Ende. Vorläufig!

Liebe Leserinnen und Leser,

an dieser Stelle endet mein Blog mit den Berichten über meine Erfahrungen in Indien.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die mein Vorhaben unterstützt und mich hierbei ermutigt haben. Mit der überwältigenden positiven Resonanz und dem Zuspruch, den ich von so vielen Menschen für diesen Blog erhalten habe, habe ich nicht einmal ansatzweise gerechnet. Dafür sage ich: Danke.

Bei der immensen Fülle der Erlebnisse auf dem Subkontinent ist das Ende meines Blogs jedoch nur ein vorläufiger Abschluss. Denn: Das große Finale – eine auf diesem Blog basierende und erweiterte, ausführlichere Beschreibung meiner Reise, neuer Eindrücke in anderen Städten und vielen Begegnungen mehr – werde ich nun in einem Buch vollenden, das Ende Januar 2016 erscheinen wird. Natürlich würde ich mich auch hier über ein großes Interesse an diesem Thema, das mir besonders am Herzen liegt, sehr freuen. Versprechen darf ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser bereits jetzt: Es ist noch viel passiert. Es bleibt spannend und es wird noch heiter…

Alle, die bis dahin nicht warten möchten und weiterhin mehr über die Indienhilfe Deutschland erfahren möchten, können sich auf deren Internetseiten über weitere Projekte und Aktionen informieren:

http://www.indienhilfe-deutschland.de/

Herzliche Grüße und bis bald

Simone Fischer

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Von Kalkutta in den Monsun

Es kommt mir vor, als ticke die Uhr in Indien schneller als andernorts. Ganz besonders in Kalkutta. Nach gut einer Woche habe ich mich an die laute Stadt gewöhnt, die mit ihrem aufgeregten Chaos im starken Gegensatz zu den vielen alten, aristokratisch gesetzten Gebäuden aus der britischen Kolonialzeit korreliert. Die Stadt ist so widersprüchlich wie das Land selbst. Entweder man liebt es oder verabscheut es. Meine Entscheidung ist lange gefallen und sich dem bunten Charme Kalkuttas zu entziehen kaum möglich. Günter Grass (1927-2015) schrieb einst in seinem Roman „Der Butt“ in seiner ihm eigenen Blechtrommel schlagenden Sprachgewalt: „Ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“. Die Tatsache, dass der jüngst verstorbene, weltbekannte Autor dennoch ein halbes Jahr (August 1986 bis Januar 1987) in Kalkutta gelebt hat, spricht zweifelsohne für sich. Der einstige Sitz Queen Victorias im British Empire inspiriert bis heute namhafte Schriftsteller wie etwa den Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore, Künstler und Intellektuelle. Nicht zuletzt befindet sich bis dato die größte Bibliothek Indiens in Kalkutta. Die Hauptstadt Westbengalens allein auf Elend und bittere Not oder aber auf das reiche, künstlerische und kulturelle Potenzial zu reduzieren, wäre genauso unzutreffend wie so manches Vorurteil.

Ich bin sicher neugierig und möchte Hintergründe erfahren, um Zusammenhänge verstehen, sich daraus entwickelnde Situationen einordnen und weitergeben zu können, aber keine zynische Draufgängerin. Doch entgegen unmissverständlicher Ratschläge bis hin zu Warnungen in der vielfältigen Literatur und Länderinformationen zu Indien bin ich nicht ein einziges Mal als Frau von Männern belästigt worden. Auch der dringende Hinweis, der mir bei meinen Vorbereitungen immer wieder begegnet ist, Männern nicht in die Augen zu sehen, ist für mich nach meinen Erfahrungen nur begrenzt nachvollziehbar. Im Gegenteil. Deshalb beschließe ich am zweiten Tag und in den Folgetagen nach dem Lunch, wenn für alle erst einmal eine Pause ist und sich jeder in seinem Raum zurückzieht, mich einfach über Hof zu schleichen und früh genug zum Tee zurück zu sein, um die Nebenstraßen zu erkunden. Aus dem Auto heraus habe ich bereits zahlreiche kurze Einblicke einfangen können. Mögen meine Leser mir an dieser Stelle eine persönlichen Beichte verzeihen, aber, ich glaube, sie könnte notwendig werden:

Lieber Father Franklin, wenn Du diesen Blog vielleicht zwischendurch liest, ein bisschen deutsch ist ja durchaus vorhanden, in jedem Fall aber, soweit kenne ich Dich, das unverhofft und ungeplante Buch, was basierend und erweitert um die Blogeinträge erscheinen wird, kannst Du mir jetzt nicht mehr böse sein. Ich weiß, dass Du mich um meinen Schutz und meiner Sicherheit willen nicht hättest alleine gehen lassen. Aber außer viel Schönem, ist mir nichts passiert.

Ich habe noch zwei Stunden, bevor es zum Flughafen geht und laufe noch einmal am Botanischen Garten vorbei, um zu dem kleinen Laden an der Ecke zu gelangen. Man muss sich die Geschäfte an der Straße als kleine Bretterbuden, kleiner als eine Garage, vorstellen, die von außen mit Bonbons und Keksen so behangen und von innen mit Seife und diversen Haushaltsartikel so überfüllt sind, dass man auf den ersten Blick gar keinen Menschen dazwischen wahrnimmt und überrascht ist, wie viel Freundlichkeit sich plötzlich dahinter auftut. Vor wenigen Tagen will ich mir dort Zigaretten kaufen. Es sollen aber bitte leichte sein und bitte auch nur die Zehnerpackung. Es ist so angenehm, nicht gleich die große Menge nehmen zu müssen, sondern die Wahl zu haben, kleine Einheiten oder auch einzelne Stücke eines Ganzen kaufen zu können. Mutter und Tochter, die ich zunächst gar nicht in den überfüllten Büdchen ausmachen kann, schütten sofort aus einem großen Glas ihr Angebot aus. Nichts dabei und auch nicht weiter tragisch, sage ich und möchte mich gerade bedanken und verabschieden, als der Vater dazukommt. Er will mir in einem anderen Geschäft die kleine Packung kaufen und ist nicht davon abzubringen. Ich gebe schließlich nach und ihm 100 Rupien, die noch nicht einmal einem Euro dreißig entsprechen und warte ab, was passiert. Nach zwei Minuten ist er zurück von einem Stand an der Nebenstraße. Die Händler helfen sich untereinander. Für diese unkomplizierte und tatsächlich gelebte Servicebereitschaft, die ich in dieser Form noch nicht erfahren habe und die mich daher umso mehr positiv erstaunt, möchte ich mich so gerne bei ihm bedanken. Er möchte partout nichts extra haben. Aber ich bemerke, wie seine Tochter dem Toffee nachsieht, den ein junger Mann gerade gekauft hat und genießt. Ich kaufe drei Toffeebonbons an seinem Geschäft. Was ich danach erblicke, ist ein glückliches Kinderaugenpaar. Zum Abschluss kaufe ich bei ihnen noch einmal eine kleine Packung Zigaretten. Diesmal ist sie vorrätig.

P1010569Auf meinem Weg zurück mache ich einen Abstecher in die kleine Seitenstraße, an der wochentags Obst und Gemüse verkauft werden. Der Straßenmarkt ist ein sinnliches Erlebnis. Es duftet nach frischem Koriander, Tomaten und Lemongras. Die Früchte liefern sich einen Wettstreit der Farben. Frauen sitzen auf dem Boden umgeben von ihren saftig anmutenden Erzeugnissen. Sie feilschen wie die Teufel und es ist ein Vergnügen, diesem einzigartigen, situativen Schauspiel von außen beiwohnen zu dürfen. Während meiner Reisevorbereitungen habe ich mehrfach gelesen, dass Inder sich nicht gerne fotografieren lassen. Auch diese Aussage kann ich nicht bestätigen. Bisher habe ich keine abweisende Antwort erhalten. Vielmehr erlebe ich die Menschen in Indien offen und bekomme ein stolzes Lächeln. So ergeht es mir auch, als ich in die Mall gehe, um noch ein letztes Mal in diese reizüberflutende, wuselige Atmosphäre einzutauchen. Den hinteren Abschnitt mit den Schlacht- und Fischprodukten, die blutig ausgenommen und bearbeitet werden, spare ich wie immer aus. Statt dessen entdecke ich auf einem Brett einen Mann mit wohlgenährtem Bauch im Lotussitz P1010573inmitten seines reichlichen, farbenfrohen Angebotes. Ein Bild für die Götter, denke ich und schon prustet es ungewollt aus mir aus „Buddha in the vegetables!“. Er steigt sofort mit den umliegenden Händlern in mein spontanes Lachen ein. Geehrt für ein Foto setzt er sich aber lieber aus seiner Sicht vorteilhafter in Szene. Schade. Aber die Stimmung bei den Händler und Käufern ist aufgrund der Situationskomik ungebremst heiter.

Am Straßenende gibt es einen Laden, in dem frischer Chai gekocht wird. Der süße Milchtee wird in kleinen Tonschälchen gereicht, die für Kalkutta charakteristisch sind. Sie entsprechen der Größe einer Espressotasse. Die Becher werden danach weggeworfen. Mir ist der Tee viel zu süß, aber ich habe mir neulich am frühen Nachmittag einen Tee gekauft, um das rote kleine Schälchen mitnehmen zu können. Ich frage, ob ich mir vielleicht bitte nur ein Schälchen ohne Tee aussuchen könnte, was ich selbstverständlich auch bezahlen möchte, es handelt sich hierbei um Pfennigbeträge, bekomme ich nicht nur das kleine ausgewählte Tongefäß, sondern dazu noch ein weiteres mit Tee. Mein Geld werde ich nicht los. Es sind diese vielen schönen kleinen und doch ganz großen Dinge, die das bescheidene Leben der meisten Menschen aus den weitgehend armen bis bitterarmen Verhältnissen trotz allem so unendlich reich an Freude und Herzlichkeit machen.

Mir bleiben nur noch zehn Minuten, dann muss ich mit meinem Koffer unten bei Fr. Franklin und den Priestern auf den Hof sein, als ich auf der Straße einen Mann sehe, der für einen Moment verschnauft und sich den Schweiß von der Stirn wischt. Er schiebt auf seinem Fahrradtransporter ein Dutzend Ölkanister. Wie schwer die Menschen körperlich arbeiten, sei es zentnerschwere Reis- oder Weizensäcke oder Zementmischungen und Steine über die Schulter nehmen und schleppen, fällt mir häufig auf. Der Inhalt muss angesichts der Temperaturen doppelt schwer wiegen. Nie sehe ich aber bei der gewichtigen Last auch nur einen verzerrten Gesichtsausdruck. Auch der Mann, der nicht mehr konnte und mitten auf der Fahrspur anhalten musste, schiebt schon wieder weiter. Während er an mir vorbeizieht, lächelt er. Welch eine Stärke, welch eine Kraft, welch eine Lebensfreude, denke ich. Nicht auszumalen, mit wie wenigen Rupien auch er am Ende des Tages oder Monats körperlicher Schwerstarbeit nach Hause kommen wird.

Ehe ich mich versehe, bin ich schon fast wieder über den Wolken. Nach dem sechsten Tag habe ich mich in Kalkutta sogar an die wilde Verkehrskirmes mit ihrem rasenden Speedrave gewöhnt. Womöglich wird sie mir gar fehlen. Meine nächste Station führt mich vom östlichsten Teil Indiens in den Südwesten nach Coimbatore in den Bundesstaat Tamil Nadu an der Grenze zu Kerala. Ich habe das Glück, am Fenster zu sitzen und kann mich ein letztes Mal verabschieden. Ich blicke dem liebgewonnen Moloch, dem Ganges und dem wohltuenden Grün der fruchtbaren Landschaften solange nach, bis wir die Wolkendecke durchbrechen. Auf Wiedersehen, Kalkutta!

Wir müssen über Chennai (ehm. Madras) an der Ostküste fliegen und legen bis Coimbatore rund 1500 Flugkilometer zurück. Gegen 18.30 kommen wir an. Es ist dunkel und: Es regnet. Mit dem heutigen Tag, wir schreiben den 3. November 2015 hat der Monsun in Südindien eingesetzt. In Strömen gießt es. Zum ersten Mal erlebe ich den Monsun. Nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten wird er über das Land ziehen. In Coimbatore wird er bis Januar Einzug halten und dann weiterziehen. Im Juli/August wird er Zentralindien und Bhopal erreichen. Für die einen ein Segen, für die anderen ein Fluch, der besonders in den Jahren 2006 und 2007 durch unwetterartige Regenfälle Todesfälle zu verbuchen hat. Der Monsun ist für die indische Landbevölkerung lebenswichtig, da Indien noch mehrheitlich eine Agrarnation ist. Ebenso sind die Einwohner der Städte in Hinblick auf die Wasserversorgung auf die Niederschläge des Monsuns angewiesen. Zugleich sind sie durch die Extremregenfälle, die Häuser, Straßen und öffentliche Gebäude überfluten können, bedroht. Doch der Monsun lässt sich nichts vorschreiben und regnet sich in Teilen auch über Gebieten ab, die bereits durch ihre Fluss- oder Meeresnähe gut versorgt sind, während er im Zuge der globalen Erderwärmung und des Klimawandels über ohnehin trockene Gebiete an Millionen erwartungsfreudigen Bauern vorüberzieht, ohne seine Wasserspeicher vollständig auszuschütten.

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Am nächsten Tag, wir haben nur zwei Nächte und einen Tag in Coimbature, fahren wir mit einer elektrischen Rikscha ins Gedee Technical Training Institute (GTTI). Die Rikscha hat, wie ich zum ersten Mal feststelle, einen Nachteil: Sie ist an den Seiten gänzlich offen. Bezogen auf den Monsunregen, der aus allen Richtungen auf uns einpeitscht, bedeutet dies, das ich rechtshälftig vom Scheitel bis zur Sohle zum Auswringen bin, als ich das GTTI betrete. Seit 2013 erlernen dort aktuell 17 junge Männer einen technischen Beruf mit einem anerkanntem deutschen IHK-Abschluss, der es ihnen ermöglicht, anschließend im gesamten europäischen Ausland zu arbeiten. Das Projekt hat die Indienhilfe Deutschland 2012 ins Leben gerufen und erfolgreich umgesetzt. Die dreijährige Ausbildung erfolgt in den ersten beiden Jahren nach dem deutschen dualen Ausbildungssystem bestehend aus 30 Prozent Theorie und 70 Prozent Praxis. Die Azubis werden in englischer Sprache ausgebildet, um für global aufgestellte Unternehmen auch sprachlich entsprechend qualifiziert zu sein. Englisch steht neben Mathematik sowie Naturwissenschaften und Technik täglich auf dem Stundenplan. Ein weiteres Augenmerk legt das GTTI auf Soft Skills. So haben beispielsweise Teamwork und Kommunikation ebenfalls ihren festen Platz in der gesamten Ausbildung. Im dritten Ausbildungsjahr arbeiten die Jungen bereits in einem Unternehmen projektbezogen, um vertiefte praktische Kenntnisse zu gewinnen. Dafür erhalten sie ein Entgeld. Neun Jugendliche, die vorwiegend aus der Schule und dem Hostel aus Bhopal kommen, haben ihre Ausbildung inzwischen abgeschlossen und sind alle in festen Arbeitsverhältnissen. Ohne eine fundierte Ausbildung hätten sie auf dem indischen Arbeitsmarkt keine Chance auf eine Stelle gehabt, die ihnen ihr eigenes Auskommen sicherstellt. Das weiß auch Rakesh Uliky. Der 19 Jährige kommt aus Bhopal. Seine Eltern leben im Slum der früheren Leibeigenen. Sie sind Analphabeten und den gnadenlosen Gesellschaftssystem hoffnungslos ausgeliefert. „Als ungelernte Kraft in einer Fabrik, hätte ich niemals die Möglichkeit, eines Tages für meine Eltern und später auch für meine eigene Familie zu sorgen,“ sagt er. Sein Kommilitone Sachin Dewase ergänzt: „Außerdem macht es so viel Spaß, jeden Tag etwas Neues zu lernen und die technischen Zusammenhänge verstehen zu können. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir eine Ausbildung machen können und sie ist für uns alle ein Riesengeschenk“. Sachin ist 18 Jahre alt und befindet sich zusammen mit fünf anderen Jungen aus den Projekten von Fr. Franklin im zweiten Lehrjahr zum Mechatroniker. Seine Eltern leben in der Leprakolonie in Bhopal. Wenn er fertig ist, möchte er gerne zurück in die Heimatstadt, „um Father Franklin all das wiedergeben zu können, was er uns Gutes getan hat“. Er stellt sich vor, den Fuhrpark, die Autos und die Geräte für die Felder ebenso wie alle technischen Systeme im Haushalt, in den Schulen und den Hostels instand halten zu können. Das wäre sein größter Traum. Im ersten Lehrjahr befinden sich aktuell zwei unserer früheren Schüler. Zusammen mit rund 300 Auszubildenden aus ganz Indien lernen sie am GTTI und leben in dem angeschlossenen Hostel. Das Projekt finanziert sich durch Ausbildungspatenschaften. „Ohne die Unterstützer aus Deutschland hätten wir es nie geschafft, so eine gute Ausbildung bekommen zu können“, ist es Vinod Ahirwar wichtig, zu sagen. Vinod kommt aus einer Adivasi Familie. Seine Eltern selbst haben weder die Schule besuchen noch eine Ausbildung machen können. „Ich werde danach überall versuchen, eine Anstellung zu bekommen und würde auch ins Ausland gehen zum Beispiel nach Malaysia oder Saudi Arabien. Dort wird man besser bezahlt als in Indien“, teilt er mir sichtlich motiviert und aufgeschlossen mit. Mit dem später verdienten Geld möchte er seine Eltern und seine ‚alte‘ von Fr. Franklin aufgebaute Schule in Bhopal unterstützen.

P1010593„Eine berufliche Perspektive ist allen Auszubildenden garantiert“, versichert mir der Trainingsleiter des Instituts Vijayan Puthilom Kunneth. Die meisten werden nach dem dritten Lehrjahr direkt von den Betrieben übernommen. Dazu kommt die Tatsache, das international renommierte Firmen regelmäßig auf das GTTI zukommen und nach geeigneten Kandidaten fragen, so der Trainingsleiter. Coimbatore gilt nach Bangalore als bedeutender P1010622Industriestandort. Bekannt ist die gut eine Million Einwohner zählende Stadt – in der Agglomeration sind es etwa 2,2 Millionen – besonders für ihre Textilindustrie und wir daher häufig auch das „Manchester des Südens“ genannt. Darüber hinaus hat sich die Stadt einen breiten Namen in der Automobilindustrie gemacht. Große, breit aufgestellte Automobilzulieferer und Maschinenbau-Unternehmen haben im Umfeld von Coimbatore ihren Sitz. Die Berufsaussichten für Einsteiger mit einer abgeschlossenen technischen Ausbildung in den Bereichen Automatisierungstechnik, Elektrotechnik, Konstruktion und Design, Maschinenbau, Produkt- und Produktionsentwicklung oder Straßen- und Brückenkonstruktion sind optimal. Neben der dreijährigen Ausbildung umfasst das Projekt auch Qualifizierungskurse. Seit 2014 fördert die Indienhilfe Deutschland durch Patenschaften die Ausbildung zum Schweißer. Die Kurse werden halbjährlich angeboten. Elf junge Männer aus dem Umfeld der Aktivitäten von Fr. Franklin haben bereits erfolgreich angeschlossen und ihr Diplom erhalten. Sie arbeiten inzwischen bei weltweit bekannten Unternehmen auch außerhalb Indiens wie etwa in Kuweit oder Saudi Arabien.

Für den Abend laden wir unsere Auszubildenden für eine Stunde in unser Hotel ein. Es ist ein lebendiger Austausch. Franklin berichtet ihnen, das er künftig auch gerne Mädchen aus dem Nishkalanka Hostel in Bhopal eine technische Ausbildung ermöglichen möchte, vorausgesetzt sie bringen den Wunsch und die notwendigen Voraussetzungen mit, das heißt, den Abschluss der zwölften Klasse und den bestandenen Eignungstest am GTTI. Ein breites, verlegenes Grinsen zeichnet sich auf den Gesichtern der angehenden Techniker ab. Die jungen Männer sind so aufgeschlossen, so lernbereit und vor allem ohne Ausnahme eines: So dankbar eine anerkannte umfassende Ausbildung zu machen. Sie fragen mich, wie es in Deutschland ist und ich erzähle ihnen von unserem Bildungs- und Ausbildungssystem. Wir sprechen über Fußball – unsere deutschen WM-Helden sind ihre großen Idole – das Klima, den Alltag, über Volkswagen und über die Bundeskanzlerin. Ich bin überrascht, wie interessiert sie sind und wie viel sie über Deutschland wissen. Ob sie sich vorstellen können, auch mal in Deutschland für eine Zeit zu arbeiten, frage ich und erhalte die Antwort, die ich mir schon gedacht hatte. „Oh, yeah!!! „, halt es mir sofort mit weit aufgerissenen Augen unisono entgegen. Sie haben alle Voraussetzungen dazu, denke ich und freue mich für sie. Franklin wird mich später eines Besseren belehren. Denn wenn es um die Visa für eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis im Ausland geht, treten gelegentlich bei den gut ausgebildeten Jugendlichen Probleme auf, da weder über sie noch über ihre Eltern Daten zur Herkunft und Geburt existieren. Hierzu arbeitet Franklin mit einem Experten in Bhopal zusammen, der sich vor Ort bei den Behörden, meistens in Bombay, der Klärung und dem folgenden Verwaltungsaufwand annimmt. In den meisten Fällen ein kostenintensives Unterfangen.

Zum Abschluss des gemeinsamen Treffens habe ich ein Déjà-vu-Erlebnis. Einige wenige junge Männer besitzen ein Smartphone. Eine riesige Fotosession beginnt und ich denke noch an die angehenden, ebenfalls so stolzen und im Umgang angenehmen Krankenschwestern. Ich mache fleißig Fotos und wundere mich, was ich falsch mache. Dabei finde ich meine gemachten Aufnahmen wirklich gut. Franklin erklärt mir zum x-ten Mal geduldig, was ich langsam doch endlich mal wissen sollte, nämlich dass ich mit auf das Foto und es nicht machen soll. Zumal mich häufig Mütter oder Väter landesweit unmittelbar im Vorbeigehen an der Straße, nahe einer Sehenswürdigkeit oder auch im Museum ansprechen und bitten, von mir zusammen mit ihrem Kind oder Kindern ein Bild machen zu dürfen. Unsere Jungs möchten das gemeinsame Bild gerne ihren Freunden und ihrer Familie zeigen und waren zu anständig, mich direkt zu fragen. Dabei haben sie sich den Bildaufbau im Vorfeld gut überlegt, wer nach vorne soll, wie ich positioniert werde und wie alle darum herum auf dem Bild zu sehen sein könnten. Ich mache auch alle Einzel-Zweier- und diverse andere Kleingruppenfotos mit und schaue zu, wie sich vorher noch einmal durch die Haare gestrichen und der Sitz des T-Shirts oder Hemdes überprüft wird. Eifrig werden untereinander schließlich die Bilder auf den Smartphones gezeigt und ausgetauscht. Begeisterte und zufriedene junge Männer bedanken sich. Auch sie fragen, ob ich denn nicht bleiben könne und wann ich wieder käme. Vorsichtig bekomme ich zum Abschied Umarmungen und sogar ein Küsschen auf die Wange.

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Zurück in meinem Zimmer ärgere ich mich aber über mich selbst. Ich habe diese Fotoaktionen viel zu sehr durch eine westliche Brille gesehen und nicht richtig wahrgenommen. Niemand mit einem gesunden Selbstbewusstsein käme auf den Gedanken, sich irgendwo mit auf ein Bild zu stellen, wenn es sein nicht muss. Aber diese Situation hier ist eine andere. Da sind heranwachsende Männer, die in mittel- wie zukunftslose Verhältnisse hineingeboren wurden, und ohne Hilfe von außen so gut wie keine Möglichkeit gehabt hätten, dem vorgezeichneten Fluss zu entrinnen. Sie hätten das bittere Leben ihrer Eltern und Großeltern fortführen müssen als gesellschaftliche Außenseiter, Verstoßene oder Unberührbare. In der Schule erfahren sie Anerkennung und Akzeptanz. Doch sie kennen nach wie vor beispielsweise durch die Ferien die harte Realität außerhalb der geschützten Mauern der Fürsorge und Wertschätzung. Umso größer ist ganz natürlich die Freude darüber, dass da jemand plötzlich aus dem für sie durchweg positiv besetzten Deutschland kommt, an ihnen persönlich interessiert ist, ihnen zuhört, ihre Fragen beantwortet und Fragen stellt, mit ihnen spricht, scherzt und lacht – nahbar und einfach Mensch ist. Das könnte an meiner Steller jeder andere sein. Vor dem Hintergrund ihrer Ausgangposition gleichsam jener der heranwachsenden jungen Damen im Hostel und der Nurse School ist es nur allzu verständlich, dass sie diese Augenblicke festhalten und mitteilen möchten. Und Bilder sind ein glaubhafter Beweis. Ich bin überzeugt davon, dass einige von ihnen im Laufe ihres Lebens und beruflichen Werdeganges noch namhafte Persönlichkeiten treffen werden, hinter denen sie sich nicht verstecken müssen. Sie haben allen Respekt verdient.

Eine Mahlzeit am Tag

Die Tage am Ganges beginnen früh. Zwischen halb sieben und sieben sind wir auf den Straßen von Howrah in Kalkutta unterwegs. Kalkutta selbst liegt am östlichen Ufer des Hooghly River, einem Mündungsarm des Ganges. Howrah am westlichen. Über mehrere Brücken sind die beiden Teile verbunden. Die beiden Städte gehören zusammen und bilden zwillingsgleich den zentralen Kern der wachsenden Metropolregion Kalkutta.

An diesem Morgen wollen wir uns gerade aus der Ausfahrt bewegen, als bereits ein Mann vor dem Einfahrtor liegt. Er ist kraftlos. Ausgehungert. Wir steigen sofort aus. In unserem Auto haben wir Nahrung, um ihn direkt zu versorgen. Die ersten Teller aus Blättern sind schon vorbereitet. Die anderen werden sukzessive aufgefüllt. Wir geben ihm Wasser und Reis mit Dal und Kartoffeln. Manchmal haben wir auch Eier oder Hühnchen dazu. Reis und Dal immer. Dal ist ein Linsengericht. Es gleicht von seiner Konsistenz einer Sauce. Langsam fahren wir mit unserem Ambulanz-Fahrzeug durch die Straßen. Es herrscht rege Aktivität, aber noch kein Verkehrschaos, so dass wir wachsam Ausschau halten können. Der Wagen stoppt abrupt hinter einer Brücke. Suresh Desai hat jemanden entdeckt. Der 53-Jährige, der an der Seite von Mutter Teresa gearbeitet hat, und seit Projektbeginn an der von Fr. Franklin und den Patern steht, kennt seine Stadt in- und auswendig. Über Jahrzehnte hinweg ist sein Blick für notleidende und hungernde Menschen auf den Straßen Kalkuttas geschult und geschärft. Der Koch gibt uns das Essen aus dem hinteren Versorgungsteil des Wagens. Unscheinbar hinter einen Auto zwischen Plastik- und Gemüseabfällen, ausgemusterten Werbeplakaten und Ratten liegt ein kleiner zusammengekauerter Körper, eingewickelt in ein dünnes Tuch, auf und über dem Hunderte Fliegen surren. Suresh weckt den Menschen. Zum Vorschein kommt eine ältere Frau. Sie lächelt und beginnt sofort zu essen. „One meal a day“ (eine Mahlzeit am Tag) lautet unsere Mission. So wie es aussieht, wird es für die Frau für heute auch die einzige bleiben. Denn drum herum sind nur Autos und Dreck. Sie wirkt verwirrt und zu schwach weiterzugehen. Am nächsten Morgen finden wir sie an Ort und Stelle wieder.

P1010403Ins Leben gerufen hat das Projekt Fr. Franklin in seiner Zeit als erster Leiter der Provinz Kalkutta von 2005 bis 2008. Zum Hintergrund: Der Priester ist bereits 2003 von Bhopal nach Kalkutta berufen worden. Im Jahr 2004 hat die Ordensgemeinschaft entschieden, ihre Tätigkeiten in Indien in vier Provinzen einzuteilen: in Mumbai, Delhi, Goa und Kalkutta. Während Fr. Franklin sich am Howrah Bahnhof umschaut, fallen ihm zwischen den vielen Menschen, die Kranken und Hungernden an den Straßenrändern und Ecken besonders auf. Es ist Giri, ein junger körperlich und geistig behinderter junger Mann, den er zuerst trifft. Er sortiert auf einem der vielen Müllberge Abfall, auf der Suche nach etwas Essbarem, um seinen Hunger zu stillen. Er sieht Fr. Franklin und lächelt ihn an. Franklin bittet ihn, von den Abfällen nichts zu essen und gibt ihm zehn Rupien. Giri, in diesem Moment offensichtlich der glücklichste Mensch der Walt, strahlt ihn an, steht auf und vermittelt Franklin einen militärischen Gruß. Er möchte damit sein aufrichtiges Danke zeigen, bevor er mit dem Geld zum nächsten Geschäft läuft und vier Schreiben Brot kauft, die er sofort in seinen hungrigen Magen schlingt. Von diesem Augenblick an wird jeder Müllberg, den Franklin sieht, an dem hungernde Menschen zwischen Kühen, schwarzen Wildschweinen, Straßenhunden, Ratten und Krähen versuchen, etwas Essbares in den Abfällen zu finden, dauerpräsent. „Franklin, Du musst etwas für sie tun, sagte ich mir“, erzählt er. Damit beginnt ein großes Projekt in der Provinz. Für die auf den Straßen verhungernden und kranken Menschen gibt es täglich eine frisch zubereitete warme Mahlzeit. Das Projekt gedeiht und erreicht immer mehr notleidende Menschen auf den Straßen Kalkuttas. Jeden morgen um vier Uhr beginnen die beiden jungen Küchenhilfen mit der Zubereitung und bringen die Kübel in den Wagen. Einer ist als Fahrer von einem der Priester und Suresh dabei, der andere portioniert im hinteren Teil des Autos die Mahlzeiten.

P1010463An einer der Straßen nahe der Kanalisation treffe ich Satish Sharma. Er sitzt eingehüllt unter einer alten LKW-Plane, die ihm nachts Schutz vor Kälte spendet. Auch hier ist merklich der Herbst im Anmarsch und die Temperaturen sinken in der Nacht manchmal unter die 20 Grad Grenze. Im November wird es deutlich kühler. Einige Menschen frieren schon jetzt nachts auf den Straßen – auch Satish. Wir haben Decken und Kleidung dabei. Er selbst hat nichts mehr. Weil er seine Familie nicht mehr ernähren kann, wendet sie sich von ihm ab. Er ist auf sich allein gestellt und hofft, in Kalkutta Arbeit zu finden. Aber er hat keine Chance. Er ist auf einem Auge blind. Seit neun Jahren sitzt Satish an derselben Stelle. Er scheint älter auszusehen, als er ist. Satish ist 75. Seine Haut und sein Körper würden ihn auch für 90 Jahre durchgehen lassen. Das Leben und die äußere Situation haben ihre Spuren hinterlassen. Der Monsun kommt. Der Monsun geht. Ebenso wie die Sommer und Winter sich abwechseln. An diesem Platz gibt es keinen Regen- oder Sonnenschirm. Ich habe einen Teller frisches, warmes Essen für ihn und eine Decke in der Hand und blicke in freundliche Augen. Er freut sich über das Essen und mindestens genauso über die Decke. Satish legt die dunkle Folie über seinen Schultern ab. Ich lege ihm eine frische Decke über seinen nackten knochigen Oberkörper. Das rechte Auge strahlt für sein linkes doppelt mit. Er lächelt und freut sich. Immer wieder begutachtet er die Decke und zieht sie an sich heran, bevor er nach der Mahlzeit greift und seine Hand genussvoll zum Mund führt. Die Augen dabei noch immer auf mich gerichtet. Sie leuchten heller als die Sonne.

P1010484Es sind berührende Momente. Immer wieder. Allen vorangestellt solche, in denen wir weiter müssen. Die Menschen auf der Straße weinen nicht. Und doch fließen bei jedem Abschied die Tränen. In ihren Herzen, in ihrer Seele. Ich frage mich so sehr, was kann ein Mensch bloß alles aushalten? Woher nehmen die Menschen, die vor mir sitzen, denen das Leben so übel mitgespielt hat, denen es – mit ihren Sorgen und Nöten weitgehend allein gelassen – IMG_6636körperlich und mental so schlecht geht und denen kaum jemand Beachtung schenkt, diese schier unglaubliche Kraft und Stärke? Neben der reinen Nahrungszufuhr sind es die Zuwendung und die Ansprache, die sie jeden Morgen erfahren, die ihnen Auftrieb geben, einen weiteren Tag zu überstehen, zu lächeln, Freude zu spüren. „Einige von ihnen, sehen wir an manchen Morgen zu letzten Mal. Am nächsten Tag nicht mehr da. Sie haben es nicht P1010437mehr geschafft“, sagt Franklin. Sie sterben unbemerkt am Straßenrand. Die Regierung kontrolliert zwar regelmäßig, nimmt die leblosen Körper von der Straße und bringt sie direkt ins öffentliche Krematorium, doch eine Träne weint ihnen kaum jemand nach. Eher im Gegenteil. „Es kommt vor, dass Passanten mit Steinen nach ihnen werfen, wenn sie auch ein drittes oder viertel Mal um ein paar Rupien angebettelt werden“, berichtet mir P1010520Suresh. Die Folge sind nicht selten Platzwunden am Kopf. Genauso wie jeder Mensch, der in seinem Leben das Glück hat, ein Dach über dem Kopf und eine Arbeit zu haben, gesund ist, soziale Stabilität und beruflichen Erfolg hat, haben auch die Menschen am Straßenrand Gefühle, Sehnsüchte und Bedürfnisse. Das zeigt sich immer wieder ihrer unendlichen Dankbarkeit, an ihren Freudentränen und den vielen Berührungen, die meine Wangen, Arme oder Hände erreichen. Sie suchen und wünschen sich Nähe, menschliche Wärme und Geborgenheit. Wertschätzung. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen. Nicht zuletzt jene, die sie auf die Straßen Kalkuttas gebracht hat.

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Zum einen sind einige von ihnen bereits in ärmlichste Familien hineingeboren worden und kennen kein anderes Leben als das in den Slums oder auf der Straße. Eine Aussicht auf Arbeit ist hoffnungslos, ebenso wie für die zahlreichen körperlich oder geistig behinderten Menschen, die ihr Dasein an der Straße fristen. Zum anderen gilt Kalkutta als aufsteigende Region und gehört mit 14 Millionen Einwohnern nach Mumbai und Delhi zu den bevölkerungsreichsten Städten Indiens. Die Hoffnung auf Arbeit ist hier der Motor für viele Binnenimmigranten. Mit der Gründung Anfang des 17. Jahrhunderts erlebte Kalkutta eine wirtschaftliche Blütezeit und war bis 1911 Hauptstadt der britischen Kolonialmacht. Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 verlor Kalkutta zunehmend an Beachtung. Hinzu kam die Teilung des Subkontinets, was Kalkutta an den östlichsten Rand Indiens an die Grenze zu Bangladesh, drängte. Die Stadt stand nach der Teilung in Indien und Pakistan vor der Herausforderung Tausende besitzloser Flüchtlinge aus Bangladesh (früher Ostbengalen/ Ostpakistan) sowie aus angrenzenden Bundesstaaten aufzunehmen. In der Folge der daraus resultierenden Missstände entstanden Slums. Die Arbeit der Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa (26. August 1910 – 4. September 1997), die allen Kritikern zum Trotz unermüdlich und weltweit auf die bitteren Lebensumstände der Opfer aufmerksam machte, manifestiert zum Missfallen der Stadtbewohner den Ruf Kalkuttas als „Indiens Armenhaus“. Kalkutta ist zu einem Moloch geworden, das ungebrochen die Menschen anzieht. Besonders junge Männer und Frauen kommen in die von den Einheimischen unironisch nach dem Roman von Dominique Lapierre genannte „City of Joy“. In ihrem Gepäck tragen sie Wünsche, Träume und Hoffnungen auf ein gutes Leben, was nichts anderes meint als Arbeit und ein Auskommen, das Aussicht auf ein kleines bisschen materiellen Wohlstand verspricht.

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Einer von ihnen ist Mohan Lal Pande, der aus Sambalpur aus dem angrenzenden Bundesstaat Orissa nach Kalkutta kommt, um Arbeit zu finden. Ein Arbeitsvermittler verspricht im einen Job. Mohan verlässt seine Familie. Er geht nach Kalkutta. Seiner Familie will er regelmäßig Geld schicken. Wenigstens ihnen soll es gut gehen. Er will später zu ihnen zurück kommen. Als Mohan am Bahnhof Howrah ankommt, übergibt er dem Broker wie vereinbart die Vermittlungssumme. Sein gesamtes Erspartes. Er sieht den Jobvermittler nie wieder. Er kennt weder Kalkutta und weiß, wo er bleiben soll, noch hat er Geld, um wieder nach Hause zu kommen. Eine ‚Karriere‘ auf der Straße beginnt. Ausgehungert sucht auch er nach Nahrung im Müll. Von den vergammelten Abfällen wird er krank und stirbt beinahe am Straßenrand. Bei einer der täglichen Essensausfahrten findet Fr. Franklin ihn. „Ich gab ihm einen Teller mit heißem Reis, den er im Nu verschlang. Er fragte nach einem zweiten, den er ebenfalls direkt aß,“ erzählt Franklin. Am nächsten Morgen schon wirkt er bereits erholter. Nach Jahren war es eine erste feste vollständige Mahlzeit für Mohan. Franklin spricht mit ihm und unter Tränen erzählt der Familienvater seine Geschichte, die so sehr berührt, dass Franklin ihm ein Ticket nach Orissa kauft und ihm etwas Geld für den Weg gibt. Mohan kommt an. Er startet in ein ‚zweites Leben‘ mit seiner Frau und fünf Kindern.

Ein hoffnungsvoller Aufbruch, der in einem Albtraum mündet, erlebt auch Shakuntala, eine junge Frau, die aus dem Nachbarbundesstaat Bihar nach Westbengalen nach Kalkutta kommt. Als sie am Bahnhof Howrah ankommt, wird sie ausgeraubt. Sie schreit und weint, so laut sie kann. Zur Hilfe kommt ihr niemand. Was wird sie morgen tun? Wo wird sie schlafen und essen? Hinter jedem Schicksal auf der Straße steht eine traurige Geschichte. Unter ihnen gibt es Männer und Frauen mit psychischen Störungen oder körperlichen Behinderungen. Häufig werden sie – insbesondere Kinder – von ihren eigenen Familien in einen Zug nach Howrah gesetzt. Sobald der Zug den Bahnhof erreicht, beginnt auch für sie ein Leben im Dreck, auf der Suche nach etwas Essbarem. Dazu sind sie auf Hydranten mit verschmutztem, ungefiltertem Wasser auf der Straße oder verseuchte Kanäle und Rinnsale angewiesen. Der Abstand zwischen Leben und Tod ist ein schmaler Grad. Mit jedem Sonnenaufgang beginnt für Sie ein neuer Kampf ums Überleben.

P1010526Wir haben unsere morgendliche Rundfahrt geschafft. Es ist neun Uhr. Etwas über zwei Stunden waren wir unterwegs. 120 Essen haben wir ausgeteilt. Viele Gesichter sind vertraut. Einige Gruppen stehen bereits am Straßenrand, wenn wir kommen. Die meisten sind freudig erregt und winken, noch bevor wir uns auf 50 Meter nähern. Zahlreiche Menschen haben separate Plätze gefunden. Sie leben abgeschieden hinter Brettern und Ästen. Wir kennen eine große Vielzahl IMG_6722der Verstecke. Immer wieder entdecken wir auf unseren Fahrten auch neue Hungernde, die verlaust, schmutzig und – viel schlimmer – krank, stark unterernährt in zerschlissener Kleidung an der Straße oder abgelegenen Winkeln zusammengekauert liegen oder sitzen. Nicht selten sind die Sachen so verlumpt, das es in Teilen noch nicht einmal mehr zur Bedeckung der Genitalien reicht. Es kommt vor, dass wir Menschen entdecken, die noch nicht einmal mehr mit einem Tuch bekleidet sind. Sie sind nackt. Für diese Fälle haben wir Notbekleidung dabei. Einige sehen wir tagelang nicht und dann plötzlich an einer anderen Ecke. So hoffen wir, wird es auch bei Babu sein, einem 18 Jahre alten jungen Mann, der seit vier Jahren hinter dem Bahnhof auf einem abgezäumten Grünstreifen lebt. Jeden Morgen kommt er bis zum Stacheldraht. Am Tag zuvor habe ich ihm noch eine Decke und eine warme Mahlzeit geben können. Er ist geistig behindert. Der Grünstreifen ist frisch gemäht. Aber Babu ist nicht da. Zum Abschluss unserer Fahrt haben wir auf dem Rückweg an einer Station regelmäßig einen ‚Chai‘ vor dem Auto. Ein Ritus, der auch dem kleinen Ladenbesitzer verspricht: Bis morgen!

Der 30. Oktober ist ein besonderes Datum. Vor neun Jahren ist die Mission ‚One meal a day‘ öffentlich und täglich an den Start gegangen. An diesem Tag des Jahres 2006 trifft Fr. Franklin bei der Essensausgabe auf Ram. Der Achtjährige ist nackt. Er ist allein – ohne Familie oder Geschwister. Mit dem Zug weg- und abgeschickt worden. Ram ist taubstumm. Er sitzt auf der Straße und zieht sich die Haut vom Körper. Er hat Hunger. Franklin nimmt den Jungen und bringt ihn zu einem Freund in ein Heim für körperlich und geistig behinderte Männer, Frauen und Kinder. Eine Freiwilligen Organisation. Deshalb fahren wir an diesem Tag in das 40 Kilometer entfernt gelegene Dorf Shyampur. Wir brauchen angesichts der hohen Verkehrsdichte in Kalkutta zwei Stunden. Doch die Reise lohnt sich. Ram, inzwischen 17 Jahre alt, freut sich wie P1010499ein Schneekönig, als er Fr. Franklin und Suresh sieht. Etwa zweimal im Jahr besucht Franklin den Jungen dort. Er junkt und springt. Außerdem weiß er, dass die beiden immer für ihn und die anderen Kinder und Bewohner eine große Tüte dabei haben. Voll mit Keksen und Toffees. Ram hätte am liebsten die ganze Tüte. Aber es ist für alle etwas da. Franklin hat ihm ein neues T-Shirt und eine neue Hose gekauft. Und es ist eine Herausforderung dem freudig aufgedrehten jungen Mann, die neuen Sachen anzuziehen. Schließlich klappt es. Das Heim liegt mitten im Gangesdelta. Frische, grüne Reisfelder, kleine Teiche, in die die Anwohnenden hineinsteigen und die Fische mit den Händen fangen, eingerahmt in eine Kulisse saftiger Bananenstauden und Kokospalmen. Es sind wunderschöne Landschaften. Sie gleichen Gemälden, die für einen Augenblick innehalten und aufatmen lassen.

P1010330Ähnlich ergeht es mir vor wenigen Tagen, als ich mit Suresh im Botanischen Garten bin. Die öffentliche Grünanlage ist vor 250 Jahren angelegt worden. Die Namen der Wege wie Scott Avenue und Co sowie die Gästehäuser spiegeln die Handschrift britischer Kolonialherrschaft wider. Der Garten liegt mit seinen Teichen und Brücken zwischen der Hauptverkehrsstraße von Howrah und dem Ganges. Eine Besonderheit ist der Banyan Baum. Mit seinen mehr als 3600 über- und unterirdischen Wurzeln, die ihresgleichen wieder Bäume ausbilden, umfasst er eine Fläche von 1,6 Hektar und ist bereits ins Guiness-Buch der Rekorde eingegangen. Inmitten der botanischen Ruheoase gibt es einen Kakteen- und Kräutergarten. Lemongras, Kardamon und eine Zitronenpfefferminze, die besser als jedes Kaugummi erfrischt, erfüllen die Sinne. Der Anblick der Palmen, Bambus, Sträuchern, Stauden und Blumen sind eine wahre Pracht. Das pure Gegengift zu Autoabgasen und unermüdlichem Trubel in der feuchtheißen Luft in diesen Tagen. Denn Kalkutta selbst ist staubig und vor allem: LAUT! Mein Zimmer im Haus der Pilar Fathers in Kalkutta ist an einer Durchgangsstraße gelegen. Aber ich habe das Gefühl, ich wohne mitten am New Yorker Times Square. Schlaflos im dröhnenden Verkehrskino überlege ich mir eines Nachts, ob Frank Sinatra wohl jemals in Kalkutta war. Ich kann es mir nicht vorstellen. Seine Hommage an New York kann ich sofort nachvollziehen. Aber ist es tatsächlich die „Stadt, die niemals schläft“? Welche Formulierung hätte er erst für Kalkutta gefunden? Es ist ein nahezu durchgehend brutaler Dezibelterror der Auto-, Moped-, LWK- und Bushupen, Rikscha-, Fahrradtröten und Alarmsignale. Einen Wecker für die frühen Morgenstunden, in denen ich, wenn überhaupt, mal für ein bis maximal zwei Stunden einschlafe, weil es dann etwas ruhiger ist – also in etwa so wie auf den Straßen von Neapel –, brauche ich nicht, denn der ist bei der High-Volume-Mega-Geräuschkulisse nicht zu hören. Der penetrante Lärm, stärker als jede Disco, höher als die maximal in Deutschland erlaubte Dezibelzahl, ist zermürbend. Oropax sind machtlos. Parallel dazu erfreuen sich hier so stark wie in keinem anderen Land zuvor Moskitos an mir. Mit über achtzig Stichen, auf denen Salbe nur noch brennt und nicht mehr wirkt, halten auch sie mich in der schwülen Hitze der Nacht wach. Ich rette mich mit den Menschen und Begegnungen vor Ort und den vielen neuen Eindrücken über den Tag und durch die Nächte. Dabei empfinde ich Kalkutta, dessen künstlerisches und kulturelles Zentrum ebenfalls nicht zu unterschätzen ist, mit allen Facetten (jenseits der Hauptstraße Howrahs) durchaus als eine liebens- und lebenswerte Stadt, in der sich in den nächsten Jahren sicher auch in Puncto Armut einiges entwickeln und verbessern kann.

Über die vergangenen Jahre hinweg haben Fr. Franklin und die Ordensgemeinschaft versucht, alte, leerstehende Häuser an verschiedenen Plätzen in Kalkutta zu erwerben. Die sanierungsbedürftigen Gebäude sind Reliquien aus britischer Kolonialzeit, die in den Jahren sichtlich an Glanz verloren haben. „Aber durch die Bürokratie unserer Regierung sind sie nicht zugänglich und vergammeln“, sagt Franklin. Ich schaue mir einige der Gebäude an. Dem maroden Zustand des Leerstands kann ich nur zustimmen. Von einigen von ihnen haben inzwischen Bäume Besitz ergriffen. Ihre Äste wachsen aus den Häusern Richtung Himmel. Den steinigen Weg zum Ziel nicht zu verlassen, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern nach Alternativen zu suchen, hat sich bewährt. Bereits 2005 hat Fr. Franklin ein Stück Land im etwa 15 Kilometer außerhalb gelegenen Dorf Uhsani erworben, um dort einen Platz für die Provinz und eine Schule zu bauen. Das Land gehörte einer Brahmanenfamilie. Die Brahmanen und die Yadavfamilien gehören zu den höheren Kasten des Hinduistischen Systems. Die Familie hatte mit anwohnenden Muslimen ein schwieriges Verhältnis, nicht zuletzt deshalb, weil die sie ihr Land auch als Dauertoilette nutzten. Das Grundstück befand sich in einem verwilderten, schmutzigen Zustand, so dass die Brahmanen Fr. Franklin die Fläche von 1,7 Hektar für umgerechnet 150 Tausend Euro verkauften. Der heutige Grundstückspreis übersteigt aktuell P1010554bereits die fünffache Summe. Als ich das satt grüne Areal sehe, das die Priester inzwischen mit einer rundherum hohen Mauer und einem Eisentor geschützt haben, bin ich zutiefst beeindruckt. Mango- und Litschibäume, Bananenstauden und Kokospalmen wachsen wie im Bilderbuch. Zwei Priester wohnen in einem kleinen neu gebauten Haus und bewirtschaften soweit wie möglich die Fläche. Unter anderen Gemüsesorten bauen sie Blumenkohl, Brokkoli, Chilli, Knoblauch, Ingwer an. Der Anbau von Kartoffeln ist ebenso vorgesehen. Wie bei allem anderen Projekten von Fr. Franklin befindet sich um jedes Heim und jeden Wohnort der Priester ein Gemüsegarten, um die eigene Versorgung und die der P1010547Kinder weitestgehend abdecken zu können. Bei diesem Projekt pflanzen und pflegen die beiden Priester auch das Gemüse für das One-meal-a-day-Projekt. Tauben sind in einem großzügigen Käfig. Fische tummeln sich im Teich. Sie dienen ebenfalls zur Selbstversorgung. Ein Hund, der mit zwei anderen zur Sicherheit zum Gelände gehört, stupst mich an und möchte spielen. Hier Urlaub machen, denke ich. Eine Farm im Dschungel des fruchtbaren Gangesdeltas nur wenige Meilen von Kalkutta entfernt. Allerdings gestaltet sich der Wunsch von Fr. Franklin, das Land in einen Wohnsitz und eine Schule zu konvertieren, als weitaus schwieriger, als die Idylle anmuten lässt. Die Verwaltung tut sich schwer, eine Genehmigung für den Sitz der Pilar Fathers, ihres Gästehauses für die Priester in Urlaubszeiten und einer Schule zu erteilen. „Es bedarf so viel Bürokratie und Formalitäten, um die Erlaubnis zu erhalten. Sie gehen davon aus, von uns viel Geld bekommen zu können, weil wir eine religiöse Einrichtung sind. Und dann geschieht bis heute nichts“, klagt Franklin. Nach vielen Versuchen und der geleisteten Arbeit der Priester auf den Grundstück hofft die Ordensgemeinschaft auf eine baldige Zulassung. Korruption trifft Geduld. Spendengelder von deutschen Organisationen hat Fr. Franklin bereits im Vorfeld bekommen, so dass mit dem Bau der Schule sofort begonnen werden könnte. Die Schule soll Platz für 1400 Schüler in den Klassen eins bis einschließlich zwölf bieten. „Wir hoffen, diesen Prozess bald abschließen zu können und in zwei bis drei Jahren unsere Gebäude öffnen zu können“, sagt Fr. Franklin. Das Land ist vorhanden und die Erlaubnis nach vielen Jahren zäher und unnachgiebiger Verhandlungen auf dem Weg.

An einem Nachmittag fahren wir raus in den „Hooghly River Slum“, um die Situation dort im Auge halten zu können und nach Maßnahmen für eine mögliche Unterstützungs- und Entwicklungsarbeit zu suchen. Hier leben mehrere Hundert Familien mit ihren Kindern. Kinder, die nach aktueller Lage, keine Schulbildung erfahren und als Analphabeten und ungelernte Arbeitskräfte das Leben ihrer Eltern im Slum fortführen. An Schulen für die unzähligen Straßenkinder mangelt es auch in Kalkutta. Es ist ein matschiger unwegsamer Grund aus Erde und Abfällen auf dem ich mich bewege. Die Vorstellung, wie der ohnehin feuchte Untergrund durch die direkte Nähe zum Ganges erst in den regenreichen Wochen des Monsuns im Juli und August aussehen mag, ist keine schöne. Die Bewohner kommen direkt auf uns zu. Sie laufen größtenteils barfuß im Schlamm. Frauen tragen ihre Kinder auf dem Arm. Sie winken und lächeln. Die Großen wie die Kleinen. Wieder blicke ich in strahlende Gesichter. Jeder möchte der erste sein und jeder möchte etwas abbekommen. Wir haben Kekse und Toffeebonbons dabei. Genug für alle. Dennoch gibt es auch untereinander kleine Reibereien. Wer schon eine Ration hat, stellt sich gerne noch ein zweites Mal an und drängelt den Schwächeren, der geduldig vorsichtig  wartet, zur Seite. Doch die Kinderaugen leuchten weiter. Ein Mädchen fällt mir besonders auf. Ihr Gesicht ist deutlich uneben und ein Auge fast zugeschwollen. Ich gebe ihr die doppelte Menge. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht tun, obwohl alles in mir danach schreit, sie einfach – wie so viele andere – zu nehmen und zu einem Arzt zu bringen. Die finanziellen und personellen Kapazitäten reichen dazu einfach nicht aus. Auf dem Gelände der Ordensgemeinschaft haben wir einen Arzt. Diese Einrichtung besteht seit 2004 auf Initiative von Fr. Franklin und richtet sich an die Menschen, die die Kosten für die Behandlung und Medikamente nicht aufbringen können, aber in der Lage sind, selbst oder mit ihren Angehörigen kommen können. Dreimal in der Woche behandelt Dr. Bibhuti Bhusan Mohanty nachmittags dort Patienten. Im Schnitt sind es rund 30 am Tag. „Die meisten leiden an Übersäuerung, Gastritis, Fieber, Malaria, Dengue und anderen Infektionen“, sagt er. Er verordnet Medikamente, die Suresh entsprechend zusammenstellt und den Patienten aushändigt. Größtenteils sind es Säurebinder, Schmerzmittel und Antibiotika.

Im Hooghly Slum fallen mir gelegentlich verkrüppelte Hände bei den Älteren und bei einigen Kindern ein schuppig rissiger Hautausschlag auf, der ihre Gesamtsituation ohne Umschweife klar zum Ausdruck bringt: Die Verschmutzung des Grundwassers aufgrund fehlender Kläranlagen ist ein erhebliches Problem. Nach unbestätigten Schätzungen ist nur etwa die Hälfte der Slumbewohner an ein Wasserversorgungsnetz angeschlossen. Offizielle Zahlen hierzu gibt es nicht. Die andere Hälfte vertraut der religiösen Reinheit des Heiligen Flusses, dem Ganges, um sich in Anlehnung an ihren Glauben von ihren Sünden reinzuwaschen. Der Blick von den Ghats, den Steintreppen, die zum Ufer führen, ist für unser westeuropäisches Verständnis vom Umgang mit dem Tod ein ungewöhnlicher: Tote Menschen, Kadaver und Kot überlagern sich in Teilen in dem giftigen Abfallwasser der angrenzenden Industriebetriebe. Häufig weist der Heilige Fluss an einigen Stellen den dreifachen Wert des maximal in Indien erlaubten Wertes von 500 Kolibakterien pro Zentiliter auf. Und dennoch: Täglich waschen sich Millionen Menschen im Ganges, putzen ihre Zähne oder trinken daraus. Der Glaube an das Heilige Wasser hilft vielen, über den Schmutz hinwegzuschauen und das eigene Leben in bitterster Armut so gut wie möglich zu meistern. Zu der hohen Schadstoffkonzentration des Hooghli gesellen sich ungeregelte oder gänzlich fehlende Abfalldeponien und Verkehrslärm. Belastungen, denen Obdachlose ebenso wie Slumbewohner gleichermaßen schutzlos ausgeliefert sind. Sie bilden den Nährboden für Tuberkulose, Dengue, Lepra und Malaria.

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Am Ende reißt mir ein Mädchen die fast leere Tüte aus der Hand. Verübeln kann man es ihr nicht. Not und Elend schaffen Gier, ausgelöst und angetrieben vom menschlichen Überlebensinstinkt – von den sozialen Auswirkungen wie Alkoholismus, Kriminalität und Prostitution einmal abgesehen. Nicht selten suchen bereits Kinder in den Abfallbergen oder offenen Kanälen nach Müll, der sich verkaufen lässt, um die Familie mitzuernähren. Früh lernen sie, was es heißt, überleben zu können. Ein Perspektivwechsel vom Überleben zum Leben liegt noch hinter dem Horizont.

Auch hier in Ostindien wird es um diese Jahreszeit um fünf Uhr dunkel. Wenn es die Zeit davor zulässt, spannen wir ein Netz auf und spielen Badminton. „Just relax now“, lautet dabei das Motto von Fr. Attley. Er ist aktuell Leiter der Provinz Kalkutta der Pilar Fathers. Genau wie Franklin kennt der 42-jährige, drahtige Priester die Probleme der Stadt und Gesellschaft, die Menschen in Kalkutta und ihre Geschichten. Er hat Recht, wenn er meint, zwischendurch abschalten zu müssen. Denn natürlich berührt so manche Situation tief – selbst Fr. Franklin noch nach rund 50 Jahren intensiver Arbeit mit den Ärmsten der Armen. Sich aber in einem wilden Gedankenkarussell ohne Halt und Ausstieg zu verlieren, hieße, Ohnmacht zuzulassen. Und dafür ist definitiv kein Platz!

Nachtzug nach Delhi

Mein Weg führt mich weiter nach Kalkutta. Wir machen eine Zwischenstation für zwei Tage in Neu-Delhi. Um 22.30 soll unser Nachtzug einfahren. Die Anzeige kündigt eine Verspätung an. Wir warten. Die Bhopal Main Station ist um diese Uhrzeit so geschäftig wie der Düsseldorfer Hauptbahnhof zu Berufsstoßzeiten. Zu den Menschenmassen gehören Hunderte obdachlose Menschen, die in den Hallen und an den Gleisen sitzen oder liegen. Neben mir liegt eine Gruppe arbeitssuchender Bettler mit ihren wenigen Habseligkeiten.

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Auf den Gleisen stehen Urinlachen aus vorher stehenden Zügen. Es riecht nach Exkrementen, die die feuchtwarme, windstille Luft nicht abmildert. Hinter mir steht eine junge Frau an einem öffentlichen Wasserbecken und putzt sich die Zähne. P1010252Es dauert keine fünf Minuten, bis mich eine gefühlte Horde von zig Moskitos umzingelt und sticht, dass ich die nächsten zwei Tage daran noch zu kratzen haben werde. Wir haben Glück. Nach 25 Minuten rollt der Zug ein. Aber die notleidenden Menschen an den Straßen vor und in dem Bahnhof bleiben dort zurück.

P1010257Im Zug sind die Liegen schon aufgeklappt. Einige Passagiere schlafen bereits und wir suchen unsere Plätze durch die zugezogenen Vorhänge. Als ich meine Sachen soweit verstaut habe, schläft um mich herum inzwischen alles. Ich finde bei dem Ruckeln und Schuckeln auf meiner schmalen Holzpritsche keine Ruhe, was andere offensichtlich hypnotisch in den Tiefschlaf wiegt. Unser Abteil liegt am Einstiegsbereich nahe den Toiletten. Die antiquierte Tür davor stöhnt jedes Mal mit einem kräftig quietschenden Seufzer auf. Sie schreit nach Öl oder Schmiere. Wer dazu noch Probleme mit der Aufschrift ‚push‘ oder ‚pull‘ hat, knirscht nicht nur noch einmal mehr, sondern führt auch manchmal noch ein kurzes schimpfendes Selbstgespräch. Wer dann noch vor der Tür auf dem Gang ins Wanken gerät, hält sich kurzzeitig an meinen Füßen fest, die offensichtlich hinter verstecktem Vorhang hervortreten, weil die Betten extrem kurz sind.

Von meinem Kopfkissen kann ich durch das Fenster den Vollmond und die Sterne sehen. Der Mond begleitet mich auf der rund 800 Kilometer langen Strecke durch die Nacht so hell und klar, dass ich die Felder erkennen kann, an denen wir stundenlang vorbeirollen. Manchmal bleiben wir irgendwo mittendrin stehen. Ich denke an meine fast drei Wochen in Bhopal. Vor allem an die vergangenen Tage, die von – gerade den in Indien spontanen – Terminen und Treffen, Ereignissen und Verabschiedungen randvoll gefüllt waren. An die Menschen, denen ich begegnet bin. An das, was ich mit eigenen Augen gesehen und erlebt habe und an all die Herzlichkeit, Wärme und an das Vertrauen und Wohlwollen, was ich erfahren habe.

Langsam setzt die Morgendämmerung ein. Je näher wir der Hauptstadt kommen, umso mehr Menschen sehe ich an den Gleisen. Einige schlafen noch. Einige gehen bereits an den Schienen entlang. Die Szene bildet die zunehmende Landflucht ab. Aufgrund des geringen Fortschrittes in der Landwirtschaft, Verschuldung und Armut zieht es viele Kleinbauern und Bettler in die Städte, in der Hoffnung dort als Tagelöhner, Fabrikarbeiter oder in den Aluminiumschmelzen eine Arbeit zu finden. Die Aussicht, es eines Tages einmal zu einem Mobiltelefon oder Fernseher zu bringen, ist verlockend. Häufig gehen die Männer vorweg und die Kinder werden hinterher geschickt, bevor die Frauen mit den kleinsten und einigen Habseligkeiten nachziehen. Von den Kindern, die alleine nachfolgen, kommen viele nicht an. Sie werden unterwegs von organisierten Banden aufgegriffen und landen auf Plantagen, in Fabriken oder in der Prostitution (s. Bericht Kinder, Kinder!). In Hinblick auf Arbeitsplätze verspricht sich die arme Landbevölkerung besonders viel von den It-und Software-Metropolen wie Bangalore oder Bombay. Doch genau hier dreht sich das Rad des Teufels weiter, dem sie auf dem Land aus ihrer Perspektivlosigkeit heraus zu entkommen versuchen. Als Analphabeten ohne Schul- und Ausbildungen haben sie auch in der Computerbranche keine Chance. Die Slums in den Großstädten wachsen stetig an. Die Gefahr, die sich zum einen für die Einzelschicksale, zum anderen auch für Indiens Gesellschaft daraus ergibt, ist noch nicht abzusehen. Sicher ist, dass die Schere zwischen arm und reich weiter deutlich auseinanderklaffen wird. Bei dem forcierten Wandel von der Agrarnation zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft hat der notwendige Zwischenschritt, die Industrialisierung, in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftspolitisch zu wenig Berücksichtigung gefunden. Das Ergebnis ist eine rasante Urbanisierung einer Zweiklassen-Gesellschaft. Konflikte sind programmiert. Was über Jahrhunderte lange Unterdrückung und Ungerechtigkeit für Auswirkungen annehmen kann, haben Tunesien (2008) und Ägypten (2009) in ihrer jüngsten Geschichte gezeigt. Will die Regierung eines momentan noch fern scheinenden Tages nicht einen „indischen Frühling“ erleben, ist sie über kurz oder lang gezwungen, zu handeln. Lenins Aussage „Revolutionen entstehen dort, wo die oberen nicht mehr können und die unteren nicht mehr wollen“, ist bezogen auf die indischen Innenverhältnisse aktueller denn je.

Ab sechs Uhr geht ein Mann im Fünf-Minuten-Takt durch die Gänge und brüllt „Chai!, Chai!“. Chai ist die Bezeichnung für einen Gewürztee mit viel Milch und noch mehr Zucker. Um neun Uhr herrscht plötzlich panikartige Aufbruchstimmung. Der Zug hat bereits eine halbe Stunde früher sein Ziel erreicht. Wir sind an der Hazrat Nizamuddin Railway Station, dem weitgrößten Bahnhof nach dem Hauptbahnhof in Delhi angekommen. Hier treffen die Züge aus Südindien kommend ein. Als ich mit meinem Gepäck irgendwie noch schnell aus den Zug komme und auf dem Bahnsteig stehe, offeriert sich mir fast dasselbe Bild wie bei meiner Abfahrt in Bhopal zehn Stunden zuvor. Bettler und schlafende Kinder sitzen oder liegen an den Bahnsteigen inmitten des hektischen Treibens. Draußen liefern sich die Fahrer elektrischer Rikschas ein Wetteifern um das beste Transportangebot für die Ankömmlinge. Wir haben den Luxus, abgeholt zu werden. Während der Fahrt in das ‚Katholische Bischofskonvent Indien‘ im Herzen Neu-Delhis bin ich fasziniert von den Straßenverhältnissen. Die Straßen sind asphaltiert, zum Teil sechsspurig ausgebaut, befestigt und in weiten Teilen sogar mit Leitlinien versehen. Kühe, Büffel, wilde Hunde, Schafe oder Hühner sind auf unserem Weg nirgends zu sehen. Die elf Millionen Stadt und nach Mumbai die zweitgrößte Stadt Indiens lädt mit ihren Alleen und Grünanlagen, ihrer Sauberkeit, ihren Villen und Gebäuden geradezu zum Bleiben ein. Die jungen Menschen sind modern und westlich gekleidet. Skinny Jeans, Kostüme und High Heels statt Sari oder Kurtas mit Leggins und Flip-Flops sehe ich hier zum ersten Mal gehäuft bei den jüngeren Frauen. Die Stadt wirkt offen und großzügig. Angefangen von amerikanischen Kaffee- und Fastfoodketten über italienische Modegeschäfte und internationaler Designer-Mode bis hin zu traditionellen Kunstgewerbe- und Teppichläden, ist alles zu haben. Die Kaufkraft ist vorhanden. Der Bundesstaat Delhi beschäftigt bezogen auf seine Fläche landesweit die meisten öffentlichen Bediensteten und zählt zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Indiens. Im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten wie Madhya Pradesh oder Uttar Pradesh verfügt Delhi über eine für indische Wirtschaftsverhältnisse breit aufgestellte verarbeitende Industrie. So werden neben Textilien, Feinwerkzeugen und elektronische Anlagen auch Kraftfahrzeuge hergestellt.

Die Hauptstadt tritt daneben als Wissenschaftsstandort hervor. Allein fünf Universitäten vereint Neu-Delhi im Zentrum. Ferner haben hier weltweit renommierte weitere Bildungseinrichtungen wie das Indian Institute of Technology (IIT) ihren Platz.

Die Megacity ist nicht so überfüllt wie Bombay und auch der Verkehr geht merklich ruhiger voran. Was jedoch noch lange nicht einmal ansatzweise einen Vergleich zu unserem Straßenverkehr zulässt. Es hupt ebenfalls wie wahnsinnig und bis spät in die Nacht habe ich auch hier draußen Combo. Irgendwo läuft immer Musik, die ein ganzes Viertel unterhält. Dazwischen ruft der Muezzin. Das ist Indien, laut und quirlig – und durchaus auch liebenswert.

In Neu-Delhi werde ich nur den inneren Zirkel ein wenig kennenlernen und dieses mal für knapp zwei Tage als Touristin die Seite einer traumhaft schönen Metropole erleben. Ich sehe den Sieges- und Wachturm Qutb Minar, ein Monument, das zu den höchsten Turmbauten der islamischen Welt gehört und das zugleich an die 1192 verlorene Schlacht des letzten hinduistischen Königs gegen die Moslems erinnert. 1993 ernannte die UNESCO den imposanten Turm zum Weltkulturerbe. Ebenfalls nicht entgehen lasse ich mir neben dem Regierungsgebäude das India Gate – auch als All India War Memorial bekannt –, das ein wenig an den Triumphbogen in Paris erinnert. In dem 1921 errichteten monumentalem Tor sind die Namen von 90.000 indischen und britischen Soldaten des Ersten Weltkriegs sowie der 3.000 Soldaten, die an der Nordwestgrenze und 1919 im Krieg gegen Afghanistan für das Britische Empire gefallen sind, eingraviert. Daneben gibt es immer wieder erfrischende Kleinigkeiten zu beobachten. Etwa die zahllosen Streifenhörnchen, die sich an den Bäumen in den Parks und grünen Straßenflächen tummeln oder die vielen Papageien, die so gut wie immer etwas zu schnattern haben. Eine Situation ist für mich besonders. Während ich auf Fr. Franklin warte, fällt mir ein Pavian auf. Ich sehe gerade noch, wie sich ein junger Mann an einem Stand eine Tüte Chips kauft und aufreißt. P1010323Er bemerkt den lauernden Affen neben sich nicht. Ich frage mich, ob das Klettergenie nicht gleich auch zugreift, als es dem Mann auch schon in sekundenschnelle die Tüte entwendet. Der springt erschrocken zur Seite. Den Affen kümmert es nicht. Selbstvergessen setzt er sich mit samt der Tüte in die nächste Ecke. Er fühlt sich unbeobachtet und genießt. Ganz offensichtlich. Denn der halbstarke Dieb merkt nicht, dass ich mich gerade mit meiner Kamera langsam annähere. Erst als ich auslöse, läuft er davon. Ob er sich jetzt erschrocken oder ein schlechtes Gewissen bekommen hat, lasse ich dahingestellt. Ich bin mir sicher, er kommt gleich zurück, um seine Beute in Sicherheit zu bringen. Recht behalte ich. Als ich ins Auto steige, sehe ich einen Affen mit einer Tüte Chips auf einen Baum klettern. Den Beutel fest in der Hand.

So kurz die kleine Auszeit ist, so schön ist sie auch. Bevor ich am übernächsten Tag morgens in die Maschine nach Kalkutta steige, um zu weiteren Projekten zu fliegen, fahren wir in die rund 200 Kilometer entfernte Stadt Agra in den Bundesstaat Uttar Pradesh. Hier erfüllt sich ein Kindheitstraum: Ich sehe den Taj Mahal.

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Die Waldfeldbewohner

In enger Assoziation mit Indiens Gesellschaftssystem steht das Kastenwesen – von seinen elitären oberen Kasten bis hin zu den ‚unteren‘ Kasten. Dass es darüber hinaus noch etwa 80 Millionen Adivasi gibt, ist einer breiten Mehrheit weitgehend unbekannt. Als Adivasi werden die Nachfahren Ureinwohner Indiens mit ihren zahlreichen Stämmen bezeichnet. Amtlich als Scheduled Tribes sind 698 Volksgruppen registriert. Sie zählen 104 Menschen (Stand Volkszählung 2011) und machen damit einen Bevölkerungsanteil von 8,6 Prozent aus. Die drei größten Gruppen wie die Gond, Bhil oder Santa umfassen mehrere Millionen andere, wie beispielsweise die Barelas mehrere Tausende. Die Adivasi leben in ganz Indien. Sie haben ihre eigenen Sprachen und Kulturen.

Wir sind rund 190 Kilometer von Bhopal entfernt in Awalikehade im Verwaltungsbezirk Sehohe. Die nächste Stadt, Astha, ist rund 30 Kilometer entfernt. Das Dorf ist ein Tribel Village in dem etwa 250 Familien der Barelas und Bilala, Unterstämme der Bhils, leben.

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P1010095Ihre Hütten sind archaisch und weit von der Architektur moderner Großstädte entfernt. Für die Barelas typisch ist die Bauweise aus Ästen und Seinen, vermischt mit Büffeldung, Wasser und Erde. In dem Haus befinden sich Liegen für die Eltern und Großeltern sowie eine Feuerstelle zum Kochen und Vorratskübel zur Lagerung von Mais oder Weizen. Die riesigen Körbe zur Aufbewahrung werden von den Frauen in Handarbeit aus Bambus und anderen biegsamen Zweigen geflochten. Charakteristisch für alle Stämme ist ihre enge Bindung an die Natur und zum eigenen Land. Damit hat es eine lange und traurige Geschichte auf sich.

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass die indischen Ureinwohner bereits vor der Invasion kriegerischer Hirtenvölker das Land als Hirtennomaden, Fischer, Jäger und Sammler und Waldfeldbauern besiedelten. Erst als die Arya, die Edlen, wie sich die indorgermanischen Nomaden nannten, etwa zwischen 1500 bis 1000 v. Chr, über den Khyber Pass von Afghanistan über die nordindische Flussebene kommend, den indischen Subkontinent erobern, droht den Adivasi Gefahr. Die indogermanischen Hirtenstämme aus dem westlichen Zentralasien besetzen das fruchtbare Land, roden Wälder und lassen sich auf dem fruchtbaren Boden nieder. Sie erschaffen das Kastensystem, das die Ureinwohner, die Adivasi, als ‚wild‘, ‚unzivilisiert‘ und ‚spirituell unrein‘ ausschließt, um ihre Herrschaft zu besiegeln. In dieser Zeit entstehen die Veden, die ältesten heiligen Schriften, die Gesetze der Hindus.

Mit der Einführung des Kastenwesens setzt in Indien somit bereits vor mehr als dreitausend Jahren erstmals eine rassistische Diskriminierung ein. Aus Überlieferungen in Sanskrit ist bekannt, dass die Adivasi unter anderen zur Rodung der Wälder versklavt wurden. Viele Gruppen wurden vertrieben und zogen sich zurück in nur schwer zugängliche Waldgebiete, wo ihre Nachfahren, auch Dalits genannt, bis heute weitestgehend autark im Einklang mit der Natur leben. Dalits bedeutet die Unberührbaren, die Unterdrückten oder die Gebrochenen. Erst mit der britischen Kolonialherrschaft geraten sie wieder verstärkt ins öffentliche Visier. Die Kolonialbehörden planen und bauen Eisenbahnen durch ihre Siedlungsgebiete. Das zieht Hunderte blutiger Aufstände nach sich. Die Adivasi haben keine Chance. Millionen verlieren ihr Haus und ihren Lebensraum. Sie flüchten in die Städte in der Hoffnung auf Arbeit und verdingen sich als Bauarbeiter, Hausangestellte oder betteln auf den Straßen Indiens um ihr Überleben.

Im Zuge des raschen Wirtschaftswachstums erfolgen ab Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts die letzten rücksichtslosen Übergriffe auf die Adivasi. Mit staatlicher Unterstützung wird die Industrialisierung aggressiv vorangetrieben. Neue Minen werden erschlossen, um Eisenerz, weitere Erze und Bauxit exportreif zu machen. Die Siedlungsräume mit ihren wertvollen Naturressourcen sind eine wahre Fundgrube für Hölzer, Kohle, Frischwasser und Eisenerz und liefern die notwendige Voraussetzung für neue Berg- und Kraftwerke, Staudammbauten, Militäranlagen, moderne Industriebetriebe, Verkehrswege und Tourismusgebiete. Ihr Lebensraum und ihre Lebensgrundlagen, ihr letztes Rückzugsgebiet, werden weitestgehend erschlossen. „Für den nationalen Fortschritt“, propagiert die Regierung. Die Adivasi sind in der indischen Wirtschaftsordnung bis dato nicht vorgesehen.

Zwar räumt die Verfassung den Adivasi den amtlich registrierten Stämmen Minderheitenrechte, wie den Zugang zur Schulbildung, in die Arbeitswelt, im Staatsdienst bis hin zu den Parlamenten über ein Quotensystem ein, zwar gibt es ein Gesetz gegen die Diskriminierung der Stammesangehörigen, zwar sollen Adivasi ein Mitbestimmungsrecht in den Dorfräten bei der Genehmigung von Entwicklungsprojekten mit großem Landbedarf haben, zwar wird 2005 der Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act (MGNREGA) beschlossen, der armen Familien auf dem Land – die Dalits und Adivasi eingeschlossen – mindestens 100 Tage Lohnarbeit auf dem Land garantieren soll, zwar tritt 2006 der Forest Rights Act in Kraft, wonach die Betroffenen zu Marktpreisen für ihr Land entschädigt werden müssen und staatliche Hilfen zur Gründung einer neuen Existenz erhalten sollen; doch die Realität ist eine andere. In den Schulen beispielsweise findet die Quote entweder keine Berücksichtigung oder die Kinder werden benachteiligt, davon zeugen zahlreiche Dokumentationen. Das staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramm, das den Armen für 100 Tage im Jahr eine öffentliche Beschäftigung zu einem stabilen Mindestlohn sicherstellen soll, hat sich nicht bewährt. Von dem Geld, was sie für ihr Land bekommen, können sie und ihre Nachkommen nicht dauerhaft überleben. Die Programme und Projekte zur Armutsbekämpfung, Gesundheitsförderung oder Infrastrukturentwicklung konnten die Situation der Stämme nicht nachhaltig verbessern. Sie sind lückenhaft, werden kaum umgesetzt oder führen an der Lebenswirklichkeit der Geschädigten vorbei. Analphabetismus aufgrund mangelnder Schulbildung, Armut und eine destaströse medizinische Gesundheitsversorgung sind die wesentlichen Schlagworte für eine bittere Wahrheit. Die Kastenlosen, die Unberührbaren, gehören zu den ärmsten Menschen in Indien. Sie sind bis heute Ausgestoßene geblieben.

Durch das Engagement zahlreicher NGOs konnte in den vergangenen 15 Jahren eine spürbare Verbesserung der Lebensumstände der Adivasi erreicht werden. Besonders in Hinblick auf Bildung und den Ausbau der Infrastruktur sowie der Bewusstseinsentwicklung der vertriebenen oder zwangsumgesiedelten Stämme hat sich einiges getan. Bis vor einem Jahr gab es zum Beispiel noch keine Straße in dem kleinen Dorf Awalikehade. „Im Juli und August, zu den Monsumzeiten, mussten wir mit unseren Einkäufen soweit wie möglich vorsorgen und haushalten“, sagt Sr. Aulikedda, eine von drei Schwestern, die hier das Projekt betreuen. Alle drei unterrichten morgens die rund 140 Kinder aus dem Dorf. Sr. Aulikedda ist Krankenschwester und kümmert sich zusätzlich um die medizinische Versorgung. „Die Schulbildung ist katastrophal“, klagt sie. Die Lehrer an der staatlichen Schule kommen von weit her, das heißt morgens spät und dementsprechend früh müssen sie am Nachmittag wieder zurück. Zwei Lehrer unterrichten fünf Klassen.

P1010116P1010117Zu den erschwerten Bedingungen des Unterrichts kommt die Tatsache, dass viele Eltern ihre Kinder nicht in die Schule der Regierung schicken oder gehen lassen, weil sie selbst den Wert der Bildung gar nicht schätzen und begreifen können. Sie leben komplett von den Erträgen der Felder und den Tieren wie Büffeln, Hühner und Ziegen. Ihre Kinder nehmen sie mit auf die Felder. Die Kinder sehen ihre Eltern nicht lesen, rechnen oder schreiben. Sie haben keine Vorbilder, denen sie folgen könnten, um später einmal selbst etwas anderes zu machen als zu schlafen, zu arbeiten und leider auch in vielen Fällen zu trinken. Ein weiteres Problem sind die vielen Nachkommen und großen Familien, für die der Platz in den Häusern nicht ausreicht. Sex, so sagt mir Sr. Aulikedda, sei eine häufige Beschäftigung, um der Langeweile zu entkommen. Die Regierung gibt zwar Gelder für weitere Häuser, doch reichen diese bei weitem nicht aus. Hier ist Entwicklungsarbeit gefragt. Und zwar nicht nur ganz nah am Menschen, sondern mit den Menschen. Mein erster Eindruck von der täglichen Arbeit der Schwestern und von den Familien ist positiv. Die Kinder kommen morgens regelmäßig zum Unterricht und das Verhältnis zwischen den Tribels und den Schwestern wirkt vertraut. Ich möchte mich dennoch gerne selbst überzeugen und mit den Menschen selbst sprechen. Beim Hinausgehen fällt mir neben den Bildern von diversen Priestern und dem Papst im Eingangsbereich ein Bild ins Auge. Es ist das Foto einer auf mich sofort sympathisch, lebendigen und stark wirkenden Frau. Rani Maria. Der Untertitel The Servant of God (Dienerin Gottes), irritiert mich. Ich frage nach.

P1010120Ihr Tod liegt inzwischen zwanzig Jahre zurück. Am 25. Februar 1995 macht sich Rania Maria auf den Weg nach Indore, einer der größten Industriestädte in Madhya Pradesh, um von dort aus nach Bhopal zu gelangen. Sie arbeitet seit langen mit den Adiviasi in den Dörfern, versucht ihnen mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln und sie zu politischer Mitwirkung zu motivieren. Zu derzeit stehen Wahlen im Dorf Selmi an, bei denen zwei Regierungsparteien vor Ort in Konflikt geraten. Dazwischen setzt sich Sr. Rani Maria für Land für die Adivasi ein. Es ist Jeevan Singh, der oppositionelle Parteiführer und Grundbesitzer, der den Plot schmiedet. Er heuert Killer an. Samundar und Dharmendra Singh sowie der Landlord selbst sind es, die an jenem Morgen mit in dem Bus nach Indore sitzen und Sr. Rani Maria mit 72 Messerstichen niederstechen. Sie war gerade 40 Jahre alt geworden. In Indien gilt sie unter den Christen, die mit einem Bevölkerungsanteil von 2,3 Prozent eine Minderheit bilden, als Märtyrerin. Im Ausland ist sie unbekannt.

Der grausame, politisch begründete Mord stimmt nachdenklich, weil er an Aktualität nicht verloren hat. Das Bild Indiens nach außen, sein politisches und wirtschaftliches Ansehen, ist das eine. Der Blick auf die Korruption im Landesinneren ein anderer. Rahul Gandhi beispielsweise, der Enkel der indischen Premierministerin Indira Gandhi und Urenkel des Staatsgründers Jawaharlal Nehru gilt bei etlichen Menschen, mit denen ich in Bhopal spreche, als heimlicher Wunschkandidat für die nächste Parlamentswahl 2019. Als Mitglied der Kongresspartei steht seine Politik für Korruptionsbekämpfung und mehr Rechte für die Minderheiten und die Armenbevölkerung. Bei der jüngsten Parlamentswahl im Mai 2014 hatte sich der damals amtierende Premier Manmohan Singh für den jungen Ghandi ausgesprochen. Geholfen hat es nichts. Denn viele Wähler machen ihn und seine Partei für die steigende Inflation, träges Wirtschaftswachstum und zahlreiche Korruptionsskandale verantwortlich. Die Kongresspartei wird bei der Wahl von 543 auf 44 Sitze reduziert und erlitt damit die größte Niederlage ihrer Geschichte. Satt dessen gewinnt der Hindu-Nationalist Narendra Modi klar. Der 45-Jährige Gandhi-Sproß gilt als Kämpfernatur. Von verschiedenen Menschen höre ich, dass sie große Hoffnung in ihn bei der nächsten Parlamentswahl setzen. Zugleich kommt unmissverständlich zum Ausdruck, dass sie Angst um ihn haben, befürchten, er werde politisch kaltgestellt, ermordet. „Rahul würde, wenn alle schmutzigen Tricks und Drohungen nicht helfen, genauso einem Attentat oder einem politischen Mord wie sein Vater (21. Mai 1991) zum Opfer fallen“, sagt mir jemand, der seinen Namen ähnlich wie die anderen aus Angst vor möglicher politisch motivierter Gewalt oder Repressalien nicht genannt haben möchte. Freie Meinungsäußerung in einer Demokratie sieht anders aus.

P1010099Bei meinem Rundgang durch das Dorf erlebe ich große Offenheit und Gastfreundlichkeit. Jeder bietet etwas zu essen und zu trinken an. Von über dem Feuer gerösteten, warmen frischen Erdnüssen bis hin zu einem Tee – mit Zucker. Zucker ist teuer und rationiert. Die Familien müssen gut mit den ihren staatlich subventionierten Rationen umgehen, die in den wenigsten Fällen für die großen Familien ausreichen. Mit dem Verweis auf mein Wasser lehne ich dankend ab. Unterwegs treffe ich Rahul und Archaha. „Didi, didi, didi!“, ruft es auf einmal aus einem Haus. Der 16-Jährige besucht unser Boys Hostel und die Schule in Shantinagar, Bhopal. Seine achtjährige Schwester das Nishkalanka Hostel. Die beiden haben Ferien und genießen es ganz offensichtlich. Ich frage, was schöner ist, in der Schule und bei den Freunden zu sein oder hier bei der Familie auf dem Land. „Natürlich ist es schön, hier zu sein. Wir können schlafen und essen oder auf die Felder gehen, wann wir wollen“, sagt Rahul. Sicher sei in der Schule alles disziplinierter. Aber dafür können wir vielleicht sogar einmal studieren, so der Schüler. Er möchte gerne Lehrer werden.

P1010102P1010114An anderer Stelle sehe ich ein tiefes Wasserloch. Ein Mädchen zieht mit einer Seilwinde einen Blecheimer hinauf. Die heißt Manisha. Das Wasser ist für die Tiere. Daneben geht eine schmale Pipeline davon ab, um die Felder zu bewässern. Solange, bis das Wasserloch leer ist. „Wir sind hier vom Regenwasser abhängig“, sagt mir Banistat Lamra, ihr Vater. Eine Regenwasseranlage und ein überlegtes Wassermanagement fehlen. Durch den Klimawandel werden die Sommer auch in Indien heißer und trockener. Das Land steht vor großen Herausforderungen. Um Trinkwasser und Wasser zum Waschen zu haben, müssen sie besonders in den Sommermonaten täglich ins Nachbardorf gehen. Dort gibt es einen Dorfbrunnen. Besonders in den Sommermonaten herrscht Hochbetrieb. Denn die Familien, die wie die Lamras auf einem Hügel wohnen, haben dann nicht ausreichend Wasser mehr in ihren Trinkwasserbrunnen. Das Wasser verdunstet bei der Hitze schnell, der Rest wird von den Bäumen aufgenommen und sucht sich seinen Weg nach unten in die Täler und Dörfer. Sanitäre Anlagen sind in den Häusern oder draußen nicht vorhanden. Banistat verweist auf die Felder und die Natur. In der Tat, alles natürlich. Zusammen mit seiner Frau Durgabai hat er vier Kinder. Die beiden ältesten Vishal (14) und Manisha (11) gehen in unsere Schule in leben in den Hostels in Bhopal. Die beiden jüngeren, Ashok (5) und Narsha (8), besuchen täglich im Dorf und bei den Schwestern den Unterricht. Ihr Vater hat das Haus und Grundstück von seinem Großvater übernommen. „Damals war alles noch Wald. Es gab auch keine Elektrizität. Die kam erst durch den Einsatz der Priester“, erzählt Banistat. Solz sei er, ein Barela zu sein. „Aber diese Wasserprobleme“, sagt er besorgt über die Zukunft seines Landes und der Familie. Ein weiteres Problem ist die Wohnungsnot. Mit seinen zwei Brüdern und deren Kindern und Frauen sowie seinen Eltern lebt die Familie mit insgesamt 21 Personen in drei kleinen Häusern. Die Regierung versucht, das Land und Häuser auf die Familien zu verteilen. Allerdings reicht die finanzielle Unterstützung nicht für alle Familien aus.

Ein lukratives Geschäft ist für viele Barelas der Handel mit Ziegen. Eine Ziege liefert ebenso wie die Büffel wertvolle Milch, Käse und Fleisch. Die Ziegen sind das ganze Jahr über paarungsbereit, nur etwa 150 Tage trächtig und gebären zwischen ein bis drei Junge. Eine ganze Ziege bringt den Bauern auf dem Markt zwischen 20 und 30 Tausend Rupien ein. Das entspricht einem Durchschnittswert von rund 360 Euro. Für ein Kilo Fleisch bekommen sie zwischen 500 und 600 Rupien (etwa knapp sieben Euro). Auch die Milch wird verkauft. Das Ziegenprojekt, konkret die Anschaffung von einer Ziege pro Familie in dieser Region, ist ebenfalls ein Projekt der Indienhilfe Deutschland.

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Unser Weg führt uns weiter in das nächstgelegene Dorf Shalikeda. Vom Nachmittagslicht in Senf- und Sonnenfarben getunkt, erstrecken sich vor mir Landschaften und Weite soweit das Auge reicht. Auch hier kündigt sich der Herbst an. Die Felder sind weitestgehend abgeerntet. Zuweilen steht noch erntereifer Mais. Die Zeit scheint für einen Moment still zu stehen. Kühe dösen im Schatten am Straßenrand. Ein Büffel verspricht sich Abkühlung und steht mit beiden Vorderfüßen in einem Wassertrog. An der Straße sitzend schneidet sich ein Mann die Fußnägel und parliert mit einem Nachbarn. Gegenüber wäscht eine junge Frau Kleidung in einem Eimer. Vor uns trödelt eine Herde Büffel. Wir hupen, aber die Huftiere machen keine Anstalten, von der schmalen Straße abzukommen und sich an den Seiten zu verteilen. Der Ausdruck „stur wie 1000 Rinder“ muss seinen Ursprung in Indien haben, zumindest lebendige Aktualität genießen, denke ich und muss über die regen Bemühungen unseres Fahrers lachen. Letztlich räumen die Büffel den Weg. Ein Büffel schrammt – nicht ungewöhnlich – mit seinem Horn das Auto und schließlich kommen wir langsam durch. Zwei Kilometer weiter warten bereits fünf Männer mit ihren Motorrädern auf uns. Wir steigen aus und besichtigen ein Zuckerrohrfeld inmitten der scheinbar schier unbegrenzten Weite. Franklin spricht mit den Männern. Es sind Moslems, denen das Land gehört. Ein neues Projekt, der Bau einer Schule und eines Hostels sind hier von uns geplant. Aber die Gespräche laufen schleppend, da die Eigentümer sich nicht einig sind. Nach Tradition der Moslems in Indien müssen alle männlichen Mitbesitzer des Familienguts dem Verkauf zustimmen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Beteiligten entscheiden und es gilt, mit offenen Augen weiter nach einem geeigneten Stück Land zu suchen.

Es ist schon dunkel, als wir zurück kommen. Kurz vor Shantinaga befindet sich auf der Straße eine Kontrollstation, aufgebaut wie ein Grenzposten, mit einem Pförtner in einem Häuschen sitzend und Wachpersonal. Für die Benutzung der Bundesstraße wird eine Art Mautgebühr erhoben. Franklin hat eine entweder eine Prepaidkarte hierfür bei sich oder wir bezahlen bar. Auf den Hinweg werden wir nicht kontrolliert. Es sind also keine Daten im Computer vermerkt. Auf dem Rückweg wundere ich mich, warum man uns nicht weiter bis zur Pförtnerbutze durchlässt. Vor uns schieben Wachposten eine Barrikade. Bezahlen müssen wir schließlich den normalen Preis. Nur findet das Geld nicht seinen Platz in der öffentlichen Kasse, sondern in privaten Hosentaschen. Mit einem Lächeln winkt uns der Pförtner durch.

Aberglaube

‚Spinnen am Morgen, bringen Unglück und Sorgen‘, lautet ein altes Sprichwort. Ich bin nicht abergläubig, aber als ich mein Handtuch von der Halterung nehmen will, kommt eine riesige Spinne hinter dem Badezimmerspiegel hervor. Morgens Spinnen zu sehen, löst in mir immer ein ungutes Gefühl aus. Dabei hat die Redensart gar nicht einmal etwas mit den mehrbeinigen Insekten gemein, sondern vielmehr mit dem Aufspinnen von Wolle.

Um 6.30 Uhr sind Franklin und ich mit Caroline, die in dieser Woche bei uns wohnt, weil Ferien sind, zum Aufbruch verabredet. Wir wollen zu den Adivasi raus in den Dschungel. Als um sieben Uhr immer noch nichts von ihm zu hören und sehen ist, gehe ich zurück in mein Zimmer, um so lange Kleinigkeiten zu erledigen. Gegen acht hole ich mir in unserem Esszimmer einen Kaffee. Die Stimmung ist bedrückt. Ich frage, ob alles in Ordnung ist und schon quillt es wuchtig aus Fr. Franklin heraus. Die Schwester von Darmesh hat ein Kind bekommen.

So weit, so gut. Pikant daran ist, dass Somya seit September eine Ausbildung in der Nurse School macht, und niemand gemerkt hat, dass sie schwanger ist. Vor wenigen Tagen haben wir die Nurse School erst besucht. Ich habe sie nur kurz gesehen und rein gar nichts Auffälliges an ihr bemerkt. Bei Fr. Franklin entschuldigt sie sich, dass es ihr an diesem Tag nicht so gut gehe und zieht sich zurück. Franklin sagt mir abends, er mache sich Sorgen um Somya. Sie habe seit ihrer letzten Begegnung so zugenommen. Auch im Gesicht. Es geht ihm nah. Ich halte mich zurück, denn ich habe sie keineswegs als dick wahrgenommen, aber ich weiß nicht, wie sie vorher aussah. Die indischen Mädchen und jungen Frauen haben einen deutlich schmaleren, kleineren und feingliedrigeren Körperbau verglichen mit dem Durchschnitt unserer Breiten. Er sagt, sie muss Kortison nehmen, was sie so aufschwemme das ist die Version, die Somya allen erzählt.

P1010130Am 20. Oktober kommt das Kind auf offener Straße zur Welt. Den ganzen Tag kämpft die junge Frau mit den Wehen und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Als es gar nicht mehr geht, sucht sie Hilfe bei zwei Schwestern. Sie wollen die 19-Jährige noch zum Auto und ins Hospital bringen. Dann geht alles ganz schnell. Somya setzt noch einen Fuß vor den anderen, als die Fruchtblase platzt und wenige Sekunden später das lebensbejahende Schreien eines Neugeborenen zu vernehmen ist. Ein gesundes kleines Mädchen. Ein Schockzustand für alle in diesem Moment. Somya ist inzwischen im Krankenhaus in Bhopal. Sie hat Fieber.

Franklin tobt aus schwersten inneren Selbstvorwürfen und eigenen Schuldzuweisungen heraus. Ich versuche, zu beruhigen, berichte, dass sogar in Deutschland Eltern bei ihren eigenen in Haus lebenden Teenagertöchtern auch schon Schwangerschaften nicht bemerkt haben, ebenso wenig wie Nachbarn oder Freunde. Es ist selbst in einem so aufgeklärten und zivilisierten Land wie Deutschland kein Einzelfall. In Indien kommen dazu noch die weiten Kurtas und die Krankenhauskleidung der Mädchen, mit denen sich locker zehn Kilo oder mehr kaschieren lassen. Außerdem hat Somya, wie sie mir später im Krankenhaus zeigen wird, ihren Bauch mit einem Tuch abgebunden. Gegenüber vor mir steht Darmesh mit Tränen in den Augen. Er hat definitiv genauso wie Franklin in dieser Nacht nicht geschlafen. Er läuft raus in die Küche. Ich kann nicht anders als hinterher zu gehen und ihn hinter der Tür nur noch in die Arme zu nehmen. In einem Staat, in dem der Mann so dominant ist, schickt es sich noch weniger als anderswo, wenn ein Mann weint. Die Schulter meines Polos ist klitschnass. Unsere andere männliche Küchenhilfe zieht sich taktvoll zurück. Darmeshs Körper, ohnehin nur ein ganz feiner, schmaler und zart zerbrechlich wirkender, zittert. Aufgezehrt vom Schluchzen. Auf ihm lastet die gesamte Verantwortung der Familie. Der Student ist der älteste Sohn seines verwitweten, blinden Vaters. Eine Schwangerschaft ohne Heirat ist in Indien ein Schande. Eine unverheiratete Frau mit Kind eine Ausgestoßene. Selbst ihr Vater hat sie verstoßen, erzählt mir Darmesh. Ich höre zu und schweige. Die verheimlichte Schwangerschaft ist das Resultat einer frauenverachtenden Gesellschaftspolitik in Indien. Selbst eine Sonia Gandhi, Präsidentin der Indischen Kongresspartei, die sich nach der bestialischen Vergewaltigung einer Physiotherapiestudentin im Dezember 2012 in Neu-Delhi in vorderster Reihe der Frauendemonstrationen positioniert, kann als einzige Frau in Indiens Parteispitze allein nichts ausrichten.

Welche seelischen Qualen, welche Ängste vor der Entdeckung ihrer Schwangerschaft und vor dem Verlust ihrer Existenz muss Somya in den vergangenen Wochen und Monaten ausgestanden haben, frage ich mich. Unvorstellbar! Nicht einmal ihr Freund wusste davon. Dass sie überhaupt einen hat, verheimlicht sie bis auf Darmesh allen. Kein Wunder. Somya ist bis zum Schulende im Nishkalanka Girls Hostel. Männerbesuche sind hier ausgeschlossen. Sie stibitzt sich durch die winzigen Lücken, die jede Einrichtung, jedes menschliche System ausnahmslos nun mal haben, sonst wären wir traurigerweise bei George Orwell im Jahre „1984″ angekommen, zu heimlichen Treffen davon. Anschließend geht sie nach Hoshangabad, um ihre Ausbildung zu beginnen. Satish, ihr Freund, mag die Frauen. Zwei Freundinnen oder mehr nebeneinander sind für den 19-Jährigen ein netter Zeitvertreib. Er hat keine Arbeit. Nach vielen Diskussionen, weil er mehrfach im Boys Hostel und in der Schule auffällig ist, bleibt Franklin im vergangenen Jahr nach etlichen Chancen nichts anderes übrig, als ihn nach der elften Klasse aus dem Hostel und von der Schule zu verweisen. Mit seinen Eltern und Geschwistern lebt er in einem der Slums in Bhopal. Ein Kind, geschweige denn eine kleine Familie zu versorgen, dazu ist er nicht in der Lage. Hinzukommt, dass im kleinen Elternhaus kein Platz für die drei ist. Satishs Vater benötigt Raum für sich. Er hat Leberkrebs. Das gesamte wenige Geld geht für Medikamente drauf. Das alles ist nicht ungewöhnlich für die Verhältnisse im ärmsten Bundesstatt Indiens. Es muss eine muss Lösung her. Somya kann nur zwei Tage im Krankenhaus bleiben. Die Betten werden gebraucht.

Wir setzen uns mit Satish in Verbindung. Überrascht und überfordert von der Situation zugleich will er zunächst nichts von dem Kind wissen. Er schiebt es auf einen anderen. Wir lassen nicht locker. Um neun Uhr abends erscheint er schließlich mit seiner Mutter im Krankenhaus. Für Somya und Darmesh geht ein langer Tag mit noch längerem Warten auf den Kindesvater zu Ende. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen. Der junge Vater und seine Mutter wollen jedoch wieder kommen. Darmesh bleibt über Nacht bei seiner Schwester im Hospital. Franklin und ich beraten. Damit Somyas und das wenige Stunden alte kleine Mädchen überhaupt eine Möglichkeit haben, unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen zu überleben, muss Satesh sie heiraten. Franklin will ihn wieder in die Schule aufnehmen und ihm danach eine Möglichkeit zur Ausbildung an unserer Technical School geben, so dass die junge Familie eine Perspektive bekäme. An ihm nagt noch immer die Frage, warum Somya denn nicht wenigstens mit ihm gesprochen habe. Ihre Verzweiflung und ihre Ängste waren zu groß. Wir müssen noch mal mit beiden reden. „Besser Du gehst“, sagt Franklin, „wir brauchen hier solche Menschen, wie Dich.“ Wie gesagt, ich bin nicht abergläubig, aber Vorschusslorbeeren und so viel Zutrauen liegen mir schwer im Magen. ‚Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben‘, spukt es in meinem Kopf. Ich bin es gewohnt, in einem sehr heterogenen Umfeld zu arbeiten und auch abstruse Animositäten innerhalb verschiedener Interessengruppen sind mir nicht fremd. Aber ob es mir gelingt, als Frau einen indischen jungen Mann und seine Mutter zu überzeugen? Ich mache mir Gedanken.

Am nächsten Morgen packe ich eine Tasche mit T-Shirts, von denen ich mich auch hier trennen kann, einer meiner beiden Kurtas, meine originalverpackte Zahnbürste und Zahnpasta, die ich immer im Handgepäck habe, wenn ich fliege falls der Koffer noch mal in die entgegengesetzte Himmelsrichtung unterwegs sein sollte und diverse Hygieneartikel für Mutter und Baby. Das dürfte wenigstens für die ersten Tage reichen.

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Im St. Clara Hospital erwarten mich schon Darmesh und die leitende Schwester. Somya sitzt apathisch auf dem Bett. Der kleine Winzling schläft in ihrem Schoß. Zu viele Vorwürfe und Schuldzuweisungen von allen Seiten hat sie sich in den vergangenen Tagen anhören müssen. Vorwürfe haben noch nie jemanden etwas gebracht. Aber hier herrscht eine andere Mentalität. Somya geht es körperlich gut. Das Fieber ist zurück gegangen und Schmerzen habe sie keine, sagt sie. Um weiter ein Gespräch aufbauen zu können, frage ich sie, wie die Kleine denn heißt. Die Antwort bleibt ein Schulterzucken. Das Kind, inzwischen über 36 Stunden auf der Welt, ist bis dato namenlos. Somyas englisch ist bruchstückhaft. Ich höre nicht auf, nach längeren Pausen immer wieder etwas zu fragen oder zu erzählen und merke, dass sie mich versteht. Irgendwann, es sind schon zwei Stunden vergangen, in denen wir auf Satish und seine Mutter warten, bekomme ich Antworten, die über ein „ich weiß nicht“ hinausgehen. Ähnlich, wie ich vermutet habe, wollte sie ihre Ausbildung machen. Nicht wissend, wohin mit dem Kind und wie es weitergehen soll. Es würde schon irgendwie gehen, dachte sie. Wie recht sie doch hat. Schwester Mary kommt rein und signalisiert mir, ihr in ihr Zimmer zu folgen. Ich müsse etwas trinken bei der Schwüle. Als ich das Glas frischen Organgensaft und den selbstgemachten Cashewnusskuchen auf dem Schreibtisch sehe, wird mir direkt klar, das ich hier nicht einfach zu einer kleinen Erfrischung eingeladen bin. So freundlich und angenehm die Schwester auch ist, aber ich bin geschockt, über das was, ich erfahre, wenngleich ich die dazugehörigen Zahlen in Indien kenne.

Wir warten noch immer auf den Vater. Vor mehr als eine Stunde wollte er schon seit einer halben Stunde da sein. Es wird zwölf, ein, zwei Uhr, bis die beiden auftauchen. Die Mutter wirkt resolut. Keinerlei Gestik oder Mimik geht von ihr aus. Ihr Blick geradeaus gerichtet. Ihr Gang entschlossen. Der Sohn vermeidet es, mich anzusehen. Ich bekomme immer wieder mal ein unpassendes Lachen. Ein Lachen geboren aus Verlegenheit, Unsicherheit und Hilflosigkeit. Wir reden. Darmesh übersetzt und unterstützt. Für seine 21 Jahre ist er so weit, so aufgeräumt und konstruktiv und so manchem 30-jährigen überlegen. Die Zustimmung zu einer Heirat und die Anerkennung der kleinen Tochter ist sicher. Aber die Familie kann Somya und das Neugeborene nicht bei sich aufnehmen. Satishs Mutter, in einen farblich fröhlichen pinken Sari gekleidet, wahrscheinlich der beste, den sie besitzt, bricht plötzlich unerwartet in Tränen aus, als sie von ihrem Mann und der Not erzählt. Sie wird in naher Zukunft Witwe sein, ein Standesdünkel in Indien. Dazu muss sie drei Kinder versorgen. Länger als zwei Stunden kann sie nicht bleiben, weil sie zurück zu den Kindern muss. Wir verabreden uns abends mit Satish wieder im Krankenhaus, denn Somaya muss das Hospital noch an diesem Abend verlassen. Er will bei ihr und seiner kleinen Tochter bleiben. Wir haben noch keine Unterkunft für sie, in der die junge Mutter erst einmal mit der Kleinen zur Ruhe kommen, die Familie sich finden und in der vor allem Somya dem Geratsche und Getratsche entkommen kann. Darmesh und ich fahren in die Parish, um mit Franklin nach Ideen für eine kurzfristige, geschützte Unterkunft für die drei zu suchen. Eine Schwangerschaft lässt sich je nach Typ verstecken, aber ein Kind, erst recht ein uneheliches nicht. Das sorgt für zuweilen bösartigen Gesprächsstoff und führt nicht selten zu Ablehnung. Franklin erreicht, einen Raum anzumieten. Wir alle sind erleichtert. Die kleine Familie ist erst einmal zusammen und Somya und der Säugling vor der Gesellschaftsjustiz geschützt. Die Hochzeitsvorbereitungen für den amtlichen Teil laufen. Das Kind bekommt, wie mir Darmesh später berichtet, noch an diesem Tag einen Namen: Simone. Dieses Mal stehen mir die Tränen in den Augen.

Auf dem Weg in die Eigenständigkeit

Wir sind unterwegs nach Hosangabad. Die rund 118 Tausend Einwohner zählende Stadt gehört zum Verwaltungsbezirk Bhophals und liegt rund 80 Kilometer von der Hauptstadt im Bundesstaat Madhya Pradesh entfernt. Ich möchte mir dort die Nurse School anschauen. Seit 2012 machen dort derzeit 24 junge Frauen eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Angefangen hat alles bereits 1986, als er nach Bhopal gesandt wird, um sich zunächst um die Opfer des Chemieunglückes zu kümmern. Zusätzlich zu ihren ohnehin in schwierigen Lebensverhältnissen haben viele Menschen mit gesundheitlichen Folgeschäden des Unfalls zu kämpfen. Die medizinische Versorgung ist katastrophal und die Opfer nicht in der Lage, die Medikamente zu bezahlen. Franklin sieht sich die Lage vor Ort an. Er mietet ein kleines Zimmer zur Behandlung an. Um ein wenig Willkommensgefühl und Lebensmut zu schüren, pflanzt er davor Pflanzen. Als er am nächsten Tag kommt, sind sie verbrannt. Sofort wird klar, das Wasser ist in den Außenbezirken noch immer hochgradig verseucht. Es sind dringend fachkundige Mediziner und angesichts der Zahl der Verletzten ein Hospital notwendig. Franklin zögert keine Sekunde, setzt sich direkt mit den damaligen Bischof Eugene D‘ Souza in Verbindung und nimmt Kontakt zu deutschen Hilfsorganisationen auf. Der Bischof unterstützt sein Vorhaben. 85 000 D-Mark erhält Franklin von einer deutschen Hilfsorganisation. Innerhalb von drei Monaten startet der Bau. 1990 wird das Krankenhaus mit 120 Betten eröffnet.

Zwei Stunden etwa dauert eine Fahrt, wenn alles gut geht. Wir brechen um 8 Uhr auf. Ich wundere mich, was auf dem Highway los ist. Unzählige Mopeds, ähnlich einem Ameisengewimmel, sind an diesem Tag unterwegs. Frauen in farbenfrohen bunten glitzernden Saris sitzen zum Teil mit zwei Kindern und einem Säugling auf dem Arm hinter ihren Mann, junge Männer fahren zusammen, Mehrfamilien sitzen eng in Autos zusammengequetscht. Sie alle scheinen guter Stimmung, geben Gas und hupen. Das Hupen zeigt übrigens den Überholvorgang an. Daher ist das Dauerhupkonzert in Indiens Innenstädten oder Autobahnen nichts Ungewöhnliches. Solange die Tröten rege benutzt werden, ist alles im Fluss. Das merke ich, als wir zwei Stunden im Stau stehen. Grund für die Massenbewegung auf dem Highway ist das Fest zu Ehren der Göttin Durga. Nach hinduistischem Glauben gilt sie als Kraft- und Energiespenderin. Sie steht für Wissen und Weisheit und in der Riege mit dem Göttern Brahma, Vishnu, Shiva, Ganesha, Kali und Lakshmi. In der indischen Kunst wird sie auf einem Tiger reitend mit einem dritten Auge über der Stirn und mit bis zu achtzehn Armen dargestellt – im allgemeinen sind es zwischen acht und zehn –, in denen sie Waffen oder religiöse Gegenstände hält. Der Mythologie nach gilt die Durga als Besiegerin des den Büffeldämons Mahisasur und seiner Armee. Nach dem hinduistischen Mondkalender feiern die Hindus etwa Ende September oder im Oktober ihr größtes Fest. Das Durga Puja oder auch Navratri. Bei diesem Festival fahren die Hindus in die Tempel. Dort wird neun Tage und Nächste lang gebetet, gefeiert und getanzt. Doch die Gläubigen, die unterwegs zu den Tempeln sind, kommen gerade auch nicht weiter. Zu viele sind unterwegs. Verkehrskollaps.

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Nach zwei Stunden plötzlich ertönen die ersten Hupen. Es bewegt sich etwas. Das disharmonische Orchester gewinnt an Volumen. Es geht weiter. Die nächste halbe Stunde. Je näher wir der Narmada kommen, umso langsamer geht es zwischenzeitlich voran. Denn an den Seiten der unbefestigten Autobahn gehen Menschen. Ganze Völkerwanderungen scheinen unterwegs oder parken ihre Autos, um zum Fluss zu gelangen. Die Narmada entspringt im Bundesstaat Uttar Pradesh wird durch Madhya Prasedh fließend immer bereiter und kräftiger bis sie schließlich im Arabischen Meer mündet. Sie gilt neben dem Ganges und der Yamuna als heiliger Fluss. Sich hierin zu baden, bedeutet nach hinduistischen Glauben, sich von Sünden rein zu waschen. Und so sind viele Hindus auf den Weg dorthin.

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P1010038Doch auch wir kommen gegen 13 Uhr an unser Ziel und werden freudig erwartet. Die angehenden Krankenschwestern empfangen uns strahlend am Auto. Sie alle sind ehemalige Schülerinnen an der Schule in Shantinagar und im Nishkalanka Girls Hostel aufgewachsen. Fr. Franklin wird sofort stürmisch begrüßt und nach den erste Sätzen, bin ich auch hier sofort wieder ‚Didi‘, die große Schwester. 26 Mädchen leben in dem gegenüber des Krankenhauses gebauten Hostels und machen eine dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester. Am Ende erhalten sie ein Diplom. Im vierten Jahr werden ihre praktischen Kenntnisse und ihre erste Berufserfahrung weiter geschult. Sie erhalten dafür ein entsprechendes Entgeld. Voraussetzung für die Ausbildung ist der Abschluss der 12. Klasse. Jedes Jahr setzt sich Franklin mit den Schülern des Boys und des Girls Hostels gegen Ende der elften Klasse zusammen, um zu hören, welche Berufsrichtungen sie einschlagen möchten, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, wo es Unterstützung bedarf und wie mögliche Berufswünsche finanziell etwa machbar sein könnten. Die Ausbildung zur Krankenschwester kostet pro Schülerin rund 1300 Euro jährlich. Sie ist durch Spendengelder aus Deutschland erst möglich.

P10100142012 konnte die Nurse School eröffnet werden. Mittlerweile befinden sich 13 Schülerinnen im ersten Lehrjahr, zwei im zweiten Lehrjahr – für mehr reichten in jenem Jahr die finanziellen Mittel nicht – und neun im dritten Lehrjahr. Zwei Schülerinnen befinden sich im daran anschließenden praktischen Berufsjahr. Ich frage, was man denn mitbringen muss, um eine gute Krankenschwester zu werden. Sofort bekomme ich Antwort: „Offenheit und Ehrlichkeit, Geduld und Einfühlungsvermögen und man muss umfassend und fundiert ausgebildet sein, um zu wissen, was man wie als Krankenschwester im Akutfall sowie im weiteren P1010024Krankheits- oder Heilungsverlauf zu tun hat“, sprudelt es aus Lalita so heraus. Die 18-Jährige ist seit September im zweiten Lehrjahr. In dieser Zeit lernen sie zum Beispiel, ihre ersten Injektionen zu setzen. Vormittags haben die Schülerinnen aller drei Klassen separaten Unterricht. Am Nachmittag arbeiten sie an der Seite von neun Ärzten und knapp 60 Schwestern in den verschiedenen Abteilungen in dem Hospital so weit wie möglich mit, bekommen praktische Einblicke, assistieren bei den Operationen und helfen bei der Nachsorge. Parallel dazu werden sie auch in die insgesamt drei Tages- und Nachtschichten eingesetzt, um frühzeitig einen Einblick in das künftige Berufsleben zu bekommen. Die Freude an der Ausbildung, dem Umgang mit den Patienten und über die Entscheidung, das richtige Berufsziel gewählt zu haben, wird besonders deutlich, als sie mir das Krankenhaus zeigen, ihre Instrumente und die Patienten, die sich sichtlich über den Besuch freuen.

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Im Fokus der gesamten Projekte steht neben Bildung und Ausbildung besonders die Schul- und Ausbildung der Mädchen und jungen Frauen. Ob Mädchentötung, Gewalt und Diskriminierung in von Form von Zwangsprostitution, körperlicher und seelischer Pein bis hin zu Verbrennungen und anderen Mitgiftmorden: Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft zeigt ein entsetzliches Bild, das von seiner Regierung trotz aussagekräftiger Zahlen und zahlreicher Reportagen im internationalen Ausland mit seinen Institutionen weitestgehend ignoriert wird. Vor allem die Verbrennung von Frauen, die Brautverbrennung, die meist von Ehemann vorgenommen wird, wenn etwa die Mitgift – gerne Motorrad, IPad, Fernseher etc. – nicht ausreicht ist oder die Frauen versuchen, sich gegen Gewalt zu wehren, nimmt ein erschreckendes Ausmaß an. Allein für das Jahr 2010 weist das indische Amt für Kriminalstatistik über 8000 Brautverbrennungen aus. Um die brutale Wahrheit dahinter nicht zu verschleiern: Das entspricht einer Frau pro Stunde. Die Dunkelziffer lässt sich nur erahnen und geht von jährlich Hunderttausend Inderinnen aus, die der Brautverbrennung zum Opfer fallen. Frauen sind zu einem Wirtschaftszweig geworden. Sie dürfen nach ‚unten‘, also in eine untere Kaste und damit Gesellschaftsschicht nicht heiraten. Um ihre Tochter nach ‚oben‘ verheiraten zu können, sparen und arbeiten die Eltern oft ein Leben lang. Reicht die Mitgift nicht aus, müssen sie auch nach der Hochzeit noch ‚nachbezahlen‘. So lauten die Vorgaben der ungebrochenen Traditionen. Können die Eltern die ‚Nachzahlungen‘ nicht aufbringen, ist der Griff zum Kerosinkanister und Streichholz oft nicht weit entfernt. Nicht selten wohnt die Familie des Sohnes, des Ehemannes, diesem Schreckensszenario bei. Bestraft wird er in der Regel nicht. Am Ende war es ein Unfall am Herd. Es eröffnet ihm vielmehr die schnelle Möglichkeit zu einer erneuten Heirat. Der Brautverbrennung gehen oft zahlreiche Misshandlungen voraus. Frauen werden im Haus eingesperrt, körperlich und sexuell misshandelt oder man lässt sie verhungern. Infektionskrankheiten nehmen unter diesem Bedingungen schnell einen tödlichen Verlauf. Hinzukommt, dass viele von ihnen stark unterernährt sind, was nicht selten zu einer Anämie, Blutarmut, führt, so dass zahlreiche junge Frauen bei der Geburt ihrer Kinder verbluten, ohne, dass ein Arzt hinzugezogen wird. Jährlich sterben in Indien über zwei Millionen Frauen an den Folgen von Diskriminierung. Die Zahlen im Bundesstaat Madhya Pradesh in Zentralindien ist besonders alarmierend. 68 000 Frauen im gebärfähigen Alter erleiden Statistiken zufolge hier einen frühen Tod aufgrund dieser Umstände.

Wehren können sich die Frauen nicht. In den wenigsten Fällen haben sie eine ausreichende Schulbildung, geschweige denn eine Ausbildung, um der Hölle entkommen zu können, um eine Arbeit zu finden und für sich sorgen zu können. Nach Angaben der UNESCO werden rund 47 Prozent der Frauen schon im Kindesalter verheiratet. Sie werden von Geburt an in die Rolle gedrängt, als Mädchen weniger zu essen und schlechtere medizinische Versorgung zu bekommen als ihre männlichen Geschwister. In der Rolle der Ehefrau und Mutter haben sie sich ebensolchen Diskriminierungen und Repressalien ihres Ehemannes und häufig seiner elterlichen Familie zu fügen. Sind sie Witwen und damit mittellos und zugleich Ausgestoßene der Gesellschaft, haben sie das in Teilen zweifelhafte Glück bei ihrem Sohn aufgenommen zu werden. Dort haben sie sich seinem Willen zu beugen. Der Sohn, der Mann, der Patriarch. Ein menschenunwürdiges System, getragen von kollektiver Nichtverantwortlichkeit, korrupten Machtapparaten und der Ignoranz der Eliten. Kaschiert unter dem Deckmantel der größten Demokratie der Welt.

Umfragen zu Folge variiert die Erwerbstätigkeit bei Frauen in Indien zwischen 13 und 25 Prozent. Die Schwesternschülerinnen möchten bald auch dazugehören. „Selber arbeiten gehen zu können, bedeutet auch ein Stück weit frei zu sein. Und es macht Spaß, eine solche tägliche Aufgabe zu haben,“ sagt Lalita. Ein Anfang ist gemacht. Nach ihrer Ausbildung arbeiten die Krankenschwestern zunächst im Krankenhaus und werden dafür entlohnt. Das Konzept sieht vor, dass sie solange im Hospital, das derzeit erweitert wird, arbeiten können, bis sie eine fest Anstellung in einem anderen Hospital oder einem niedergelassenen Arzt finden.

Neugierig werde ich schließlich gefragt, ob ich denn verheiratet sei. Eine Frage, die mir hier häufig gestellt wird. Sie müssen über meine Antwort lachen. Ein wenig Wehmut kommt auf, als wir uns so langsam verabschieden müssen. Ob wir nicht wenigstens noch ein Foto mit den Freundinnen machen können. Sicher, gerne. Ich zucke meine Kamera und frage, wer denn alles darauf zu sehen sein soll. Um mich herum lacht es und ich werde an die Arme genommen. Ich stehe auf der Leitung – wieder mal, bis Franklin lachend die Kamera nimmt und ich von den Schülerinnen in die Mitte gezogen werde. Der Wunsch nach Selfies oder mich irgendwo mit auf ein Bild zu stellen, ist mir immer noch fremd, aber den jungen Frauen ein besonderes Anliegen. Sie haben keine Smartphones und so muss Fr. Franklin versprechen, ihnen beim nächsten Besuch einen Ausdruck mitzubringen und ich, dass ich das Foto auch meinen Freundinnen und den anderen in Deutschland zeige. So stolz sind sie, eine Ausbildung machen zu können. Ich verspreche es.

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Man muss mit allem rechnen

Draußen brütet die Hitze. Wir gehen fast an die 40 Grad. Dieser Oktober, ohnehin einer der wärmsten Monate in Indien, soll einer der heißesten seit Jahrzehnten sein, heißt es am Mittagstisch. Nach dem Lunch stehen aufgrund der hohen Temperaturen meistens vor drei Uhr keine Termine an und für mich auch am späteren Nachmittag nicht. Ich freue mich auf ein paar Stunden, um einen Schreibnachmittag einlegen zu können, meine Aufzeichnungen festhalten zu können und ein paar Sachen durchwaschen zu wollen. Doch ‚frei‘ zu haben ist relativ. In Indien etwas festzumachen, meint, großzügig variable Zeitfenster einzuplanen und zu jeder Zeit auf alles gefasst zu sein. Die indische Mentalität ist sehr spontan.

Am Vormittag, wir sind von Balwadi Hostel zurück, setzen uns Franklin und ich in seinem Büro zusammen, um Aufzeichnungen und Dokumente seiner Lebensstationen zusammenzutragen. Wir sichten, prüfen, wägen ab. Gerade sind wir im Fluss und ich habe das Gefühl, mit meinen Recherchen gut voranzukommen, als das Telefon klingelt. Die Schüler malen gerade ein Großplakat zum Thema „Leben in Indien , dass ich für unsere deutschen Partnerschulen mitnehme. Sie sind noch in den Anfängen, aber schon stolz und möchten es gerne zeigen, wissen, ob es ihren deutschen Freunden gefallen könnte. Es muss aber sofort sein, weil gleich die nächste Unterrichtseinheit beginnt. Schon rumpelt uns der Marshall, unser Jeep, durch die Schlaglöcher und den Staub. Als wir den Raum betreten liegt die Konzentration der Schüler ganz bei Pinsel und Farbe. Ich bin überrascht von ihrem Vorhaben. Das Plakat ist ein zwei Meter langer Banner. Es wird, es wird toll. Die Schüler freuen sich und ich bin schon gespannt, wie es am Ende aussehen wird. Auf jeden Fall leuchtend und mit viel Liebe zum Detail. Ich stelle es mir ähnlich strahlend und lebendig vor, wie das Bild, das mir eine der jungen Künstlerinnen aus der gemischten Gruppe, die 14-jährige Sushma (s. nachfolgendes Bild Mitte), schenkt. Ich bin gerührt von dieser Geste und auch von dem Bild und weiß schon, wo es zu Hause in Düsseldorf seinen Platz haben wird. „Drachenläufer“ nenne ich das Motiv.

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Überhaupt ist hier einiges anders, als wir es gewohnt sind. Manche Dinge lassen sich nicht logisch erschließen. Vielmehr ist Ausprobieren und wo es sein darf, viel Phantasie angebracht und genau die hat mir heute Nacht gefehlt. Wenn wir in Deutschland den Strom per Schalter abstellen laufen bei uns in der Regel keine elektrischen Geräte. Und wenn wir Herd oder Heizung auf Null am Thermostat einstellen, erfolgt keine Wärmezufuhr mehr und es kühlt ab. In meinem Zimmer habe ich einen Kasten mit sechs Schaltern zum An- und Ausmachen für zwei Glühbirnen und zwei große Deckenventilatoren. Wofür die beiden übrigen sind, ist mir ein Rätsel. Als ich schlafen gehen möchte, will ich die Ventilatoren ausstellen, weil sie einen höllischen Lärm verursachen. Ich drücke alle Schalter der Reihe nach auf off. Aber der Ventilator über meinem Bett will nicht ausgehen. Fast fünf Minuten beschäftige ich mich mit dem Phänomen, stelle sicherheitshalber auch die Geschwindigkeit langsam, um zu sehen, ob sich etwas tut, von Stufe vier von maximal fünf auf Null. Nichts. Der Ventilator dreht sich munter weiter. Es ist schon nach Mitternacht und ich mag bei Vadu (Fr. Valerian), der sein Zimmer neben mir hat, nicht mehr klopfen. Im Haus ist auch keiner der beiden anderen mehr unterwegs. Es ist dunkel, Father Joaquin und Franklin schlafen auch längst, immerhin stehen alle morgens früh auf. Ich probiere es nochmal und nochmal und nochmal … Wieder nichts. Der Ventilator läuft brüllend. Während ich arbeite, nehme ich die Geräusche nicht wahr, aber jetzt, da ich im Bett liege und nicht einschlafen kann wegen dieses regelmäßig aufheulenden Ventilators, potenziert sich das Geräusch emotional und es kommt mir vor, als rast dieses Mistviech von Ventilator noch lauter als vorher. Ich fühle mich wie Goethes Zauberlehrling, in dem Moment, als die Besen ihr dynamisches Eigenleben entwickeln und sich unkontrolliert immer schneller teilen, um noch mehr Wasser heranzuschleppen. In dieser Nacht schlafe ich nicht und lese bis zum Morgen. Zu Mittag treffe ich Vadu und erzähle ihm von meinem mysteriösen Propeller an der Decke. Er lacht fast so laut wie mein Ventilator und hilft. „It’s an Indian van“, scherzt er und zeigt mir, dass ich auf Stufe vier Stellen soll, der Stromschalter ist wie alle anderen wohl bemerkt immer noch aus. Wir bilden uns ein, dass er langsamer wird. Aber das bilden wir uns tatsächlich auch nur ein. Das Ding hört nicht auf zu rotieren. Wir versuchen Stufe fünf. Und siehe da: Er stoppt. Wie gesagt, es ist ein indischer Ventilator oder zumindest dreht er nach indischen Regeln.

Waschen macht auch keinen Sinn, weil wir seit knapp einer Stunde Stromausfall haben. Jetzt wäre der Ventilator schön … aber ich bin froh, dass mein Laptop vollen Akku anzeigt. Ich habe nur eine Steckdose und die ist im Badezimmer für das Warmwassergerät. Also stelle ich jedes Mal, wenn ich rausgehe, meinen Stuhl vor das Badezimmer, um mein Notebook aufzuladen. Das klappt perfekt. Gerade habe ich mich in meine geplante Struktur eingefuchst, klopft es und ich höre meinen Namen. Dharmesh.

P1000995Dharmesh ist die gute Seele der Hauses. Mit acht Jahren stirbt seine Mutter. Sein Vater ist blind und ihm bleibt nichts anderes übrig, als Dharmesh und seine jüngeren beiden Geschwister abzugeben. Er kommt zu Fr. Franklin. Die drei werden in den Hostels und der Schule sofort aufgenommen. Seine Schwester macht derweil eine Ausbildung zur Krankenschwester in unserer Nurse School. Sein vier Jahre jüngerer Bruder hat nach der Schule eine Ausbildung am Industrial Trainings Insitute absolviert und arbeitet in einem Großkonzern in Bangalore. Dharmesh, studiert am Saifia College in Bhopal Literatur, Geschichte und Sozialwissenschaften. Zwei Jahre muss er noch, bis er seinen Bachelor of Arts erlangt. Dann wird er nach Goa ins Priesterseminar gehen und dort studieren. Es ist sein innigster Wunsch, Priester zu werden. Ein Verlust für die junge Frauenwelt … Doch als Mensch bleibt er so oder so ein großer Gewinn. Neben seinem Studium hilft der 21-Jährige im Haushalt und Büro der Parish mit Leidenschaft und Engagement. Wer ihn in seiner Zurückhaltung und Feinfühligkeit erlebt, wünscht ihn nichts mehr, als dass er die Zulassung zum Priesterseminar bekommt und eines Tages seine sehnlich erhoffte Weihe erhält. Jeden Abend bekomme ich von ihm eine Schale Granatapfelkerne für den nächsten Morgen. Keiner schafft es so gut wie er, die Äpfel zu öffnen und zu entkernen, ohne gleich auch Gesicht und Kleidung bespritzt zu haben. Ich freue mich jedes Mal über diese Aufmerksamkeit. Und: Er macht die besten und schärfsten Mango Pickles, die ich je gegessen habe.

Die Vermesser seien da, erklärt mir Dharmesh mit dem Hinweis, dass Fr. Franklin unten auf mich wartet. Ich weiß zwar nicht, welche Vermesser, was überhaupt vermessen wird und wo es hin geht, aber es ist offensichtlich eilig. Sicherheitshalber will ich in meine Turnschuhe schlüpfen und merke just in dem Moment, das sich etwas anders anfühlt, bewegt, seltsam quiekt. Erschrocken ziehe ich meinen Fuß zurück und siehe da, Alfred hat es sich gemütlich gemacht. Alfred ist ein Gecko. Er ist mir vor ein paar Tagen durch das Loch neben meinem Fenster am Schreibtisch ins Zimmer gekommen. Ich verliere den Kampf ständig, die kleinen Kletterer rauszubekommen, zumal sie an anderer Stelle wieder hereinkommen und habe kapituliert. Wir haben uns inzwischen arrangiert und gehen uns bis zu diesem Nachmittag aus dem Weg. Immerhin sind Geckos nützliche Insektenfresser und harmlos. Und Moskitos gibt es auch im Zimmer reichlich.

Deutlich unangenehmer ist meine Begegnung mit einer Schlange. Vor wenigen Tagen feiert der Orden ein riesiges Fest. Das Fest der Novena, zu dem alle Familien und Kinder eingeladen sind. Die Messe dauert fast drei Stunden. Ich bewundere unsere Kleinsten, die zwischendurch auch schon mal in ihrem Schneidersitz einschlafen, aber tapfer durchhalten, während ich, die kein Wort versteht, mich immer wieder ordnen muss und bemüht bin, dieser feierlich festlichen Zeremonie beizuwohnen. Der Bischof spricht gerade. Es ist das Highlight, wäre da nicht plötzlich etwas, das mich unfreiwillig komisch zum Star der ersten Reihe werden lässt. Plötzlich schubst mich eine Schwester hinter mir kreischend von meinem Plastikstuhl noch vorne, weil ich erst nicht verstehe, was sie möchte. Es war nicht nur gut gemeint, sondern tatsächlich auch gut, mich in letzter Minute nach vorne zu stoßen, so dass ich nur nach vorne springen konnte. Denn unter meinem Stuhl hatte sich zu meinen Füßen eine Schlange genährt. Aufruhr. Vorne geht alles seinen Lauf weiter. Wenngleich ich registriere, dass der Bischof besorgt mitbekommt, dass etwas nicht stimmt. Zeitgleich reißt sich ein Mann aus drei Reihen hinter mir kommend seinen dünnen Lederlatschen von Fuß und ich höre nur noch ein mehrfaches Klatschen auf dem Boden. Dann setzen sich der kleine Kreis der insgesamt 1500 Gäste und auch ich mich wieder auf meinen Platz. Den Rest der Messe bin ich hellwach und schaue immer wieder zu meinen Füßen. Anschließend gibt es Essen für alle. Ich möchte mich noch bei meinem mutigen Schlangentöter bedanken, aber ich finde ihn in dem feierlichen Durcheinander nicht mehr. Beim Essen sitze ich bei Fr. Franklin, Valerian und Bischof Leo Cornelio, der mich sofort fragt, was los gewesen sei. Auch wenn die Schlange mit etwa 40 Zentimetern noch klein gewesen sei, Glück und Novenas Schutz gehabt, kommentiert er erleichtert und wir unterhalten uns über so viele andere Dinge, dass ich an diesem Abend nicht mehr auf den Boden schaue.

Ohne Gecko aber mit Schuhen bin ich mit Franklin unterwegs in das rund vier Kilometer entfernt liegende Dorf Mubarakpur, das ebenfalls zum Bezirk Shantinagar gehört. Der Marshall gibt alles durch die rote staubige Buckelpiste, der uns durch Felder und Landschaft führt. Eine Abkürzung, wie mir Franklin sagt. Durch die Mitte des Nirgendwos. Am Ziel sehe ich zwei drei kleine Häuser in denen schätzungsweise 15 Personen wohnen. Es ist eine Familie, die die kleine Farm mit Marygold Ringelblumen sowie Gemüse zur Selbstversorgung, betreuen. Ich stehe in einem Feld voller organge-gelber Ringelblumen, auch Tagetes oder Studentenblume genannt.

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In weiser Voraussicht, dass die Grundstückspreise in den nächsten Jahren rapide ansteigen werden, hat Franklin das rund einen Hektar umfassende Land bereits 2000 aus Spendengeldern für 150 Tausend Rupien gekauft. Das entspricht aktuell etwa 21 Tausend Euro. Inzwischen, so Franklin, haben sich die Preise für Land verfünfzehnfacht. Weil es damals zu mehr nicht reichte, hat er die Felder mit Blumen bestellt und den Farmern damit Arbeit und Einnahmen gegeben. Denn für ihre Zeremonien, Rituale und ihre Tempel kaufen die Hinduisten seit Jahren täglich dort frische Blumen. Das Geld sowie die Ernte zur Selbstversorgung aus dem Stück Gemüseanbau kommen der anwohnenden Familie zu Gute. Franklin möchte auf dem Grundstück ein weiteres Hostel bauen für die rund 150 Kinder dieses und das angrenzende Dorf Kwana. Kleine Dörfer, in denen ebenfalls große Armut herrscht und es somit auch keine Bildung gibt. Deshalb stehen also die Vermessungsgeräte in den Feldern. Ich frage, was denn aus der großen Farmerfamilie werden soll. Als ich die Antwort bekomme, atme ich auf. Die Kinder der Farmer waren in den Hostels, haben die Schule besucht und eine Ausbildung oder ein Trainingsprogramm unserer Projektpartner absolviert. Sie alle haben inzwischen ausnahmslos eine Arbeit und können die Eltern, verwitwete oder unverheiratete Schwestern ohne Unterstützung von außen gut versorgen. Eine schöne Geschichte. Eine reale. Ein kleiner Erfolg mehr.

Eine ähnliche Begebenheit und Entwicklung erlebe ich im 40 Kilometer entfernten Berasia. Die Autofahrt ist die reinste Tortur. Fast zwei Stunden brauchen wir für eine Strecke. Ich werde im Auto geschüttelt und gerüttelt und fühle mich wie nach dem Ausstieg aus einem der schlimmsten Höllenfahrgestelle auf der Kirmes, die man sich nur vorstellen kann. Mit den Straßenverhältnissen kann noch nicht einmal Ghana mithalten. Seit zehn Jahren arbeitet die Regierung daran, die Straßen auszubessern. Geschehen ist nichts. Wir fahren über unbefestigte Brücken, rechts und links der schmalen Spur, die man sich mit den entgegenkommenden Fahrzeugen teilt, der Abgrund, mittendrin ein Schlagloch breiter und tiefer als das vorherige. So geht es weiter, bis wir ankommen. An die Rückfahrt noch gar nicht zu denken. Doch was ich dann sehe, übertrifft bei weitem meine Erwartungen. Ein riesengroßer Park mit Mangobäumen, Nutzpflanzen und Blumen und sich anschließenden Feldern zum Mais, Korn- und Gemüseanbau zur Selbstversorgung der Ordensmitglieder, der 35 Kinder in dem Hostel und der Nutztiere. Ebenfalls auf dem Anwesen befindet sich eine große Schule. Ein Sportplatz dahinter. Einordnen kann ich dieses Projekt mit seiner auch optisch auffallend schönen Schule in weiß und blau gestrichen, mit lichtdurchfluteten Gängen noch nicht. Ich frage nach.

Bhopal ist eine Kreisstadt, auch das kleine Dorf Berasia gehört dazu. Während seines Beginns in Bhopal 1986 schaut sich Franklin auch die sozialen Verhältnisse in der Region an. Ein reiches Land mit vielen Bauern. Dass die Bauern über etwas Gewinn verfügen, sieht man ihnen nicht an. Als wir an den Dörfern rund um Berasia vorbeifahren, sehe ich nur unscheinbare, zum Teil heruntergekommene Häuser. Franklin erklärt mir, das die Kriminalität, die sich häufig durch Raub und Einbrüche äußert, hier extrem hoch sei. Deshalb zeigt äußerlich so gut wie keiner, etwa durch Häuser oder Autos, was er hat. Hinzu kommt, dass rund 95 Prozent der hier lebenden Bauern Analphabeten sind. Sie sind weder in der Lage, ihr Geld bei den Banken anzulegen noch wissen sie, dass man davon sogar nicht nur überleben, sondern auch leben kann. Demzufolge kaufen sie vielleicht hier und da schon mal Gold oder Silber. Aber diese Metalle vergraben sie ebenso wie ihr Geld traditionsgemäß im Garten oder ihren Feldern. Davon hat sie nachfolgende Generation, für die die Rücklagen gedacht ist, nicht unbedingt etwas. Denn stirbt jemand unverhofft und hat die Position des Versteckes nicht an den Nachfolger zu Lebzeiten weitergeben können, bleiben die Ersparnisse oder Anlagen im Boden und fallen im Worst-Case-Szenario eines Tages der Regierung in die Hände, die sich verstärkt um Land bemüht. Die Preise steigen seit Jahren gleichzeitig mit der Industrialisierung und dem Wirtschaftswachstum. Indien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Allerdings können die Bauern ohne Lesen und Schreiben zu können, ohne Schul- und eine entsprechende Ausbildung weder dem technischen Fortschritt noch den steigenden Wettbewerb dauerhaft standhalten. Franklin erkennt die Situation bereits Ende der achtziger Jahre und kauft nach langen Verhandlungen mit der Ordensgemeinschaft und den Verkäufern das Stück Land, um die nachfolgenden Generationen frühzeitig die Lage zu bringen auch gegebenenfalls unabhängig von der Landwirtschaft später ein eigenstädniges Leben zu führen. 1995 wird ein kleines Gemeindehaus eingeweiht, 1998 die Schule und 2006 noch ein kleines Hostel, in dem 35 Schüler Platz finden. Meistens kommen sie aus vereinzelt sehr bedürftigen Verhältnissen oder gar aus anderen Städten wie Christopher. Vor 17 Jahren legt ihn seine Mutter als Säugling auf den Straßen Kalkuttas ab. Eine alltägliche Situation in Indien, in denen verzweifelte Mütter ihre Kinder einfach ablegen oder weggeben, weil sie nicht wissen, wie sie das Kind ernähren können. Jährlich verhungern und sterben Tausende Kinder auf der Straße. Sein linkes Auge ist ausgelaufen. Ameisen krabbeln bereits heraus, als eine Frau ihn findet und zu sich nach Hause aufnimmt. Als Christopher das Schulalter erreicht, wendet sie sich an den Orden in Kalkutta, der den Jungen zu sich nimmt. Christopher zeigt auffallend gute schulische Leistungen. Seine Eltern sind inzwischen alt und wenn er ihn den Ferien bei ihnen ist, fällt ihnen aufgrund körperlicher Gebrechen, die Fürsorge schwer. Als er zwölf Jahre alt ist, lernt Franklin den Jungen in Kalkutta und die Hintergründe kennen und holt ihn nach Berasia. Hier ist er „Sport Minister, kümmert sich um Sportveranstaltungen und ist Ansprechpartner für schulische Wettbewerbe. Bald wird er die zehnte Klasse abschließen und danach in ein Ausbildungsprogramm unserer Projektpartner gehen. Er möchte später im Informatikbereich arbeiten. Seine Chancen stehen gut.

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Das Umfeld Berasias ist durch strenggläubige Hinduisten geprägt. Christen machen weniger als ein Prozent in den umliegenden Dörfern aus. Doch die verschiedenen Religionen sind für Franklin kein Hindernis, nicht eine Schule für alle Kinder zu bauen. Das Konzept hat sich bewährt. Rund 1400 Kinder besuchen die Schule bis zur zehnten Klasse. 98 Prozent der Schüler sind Hinduisten, die übrigen zwei Prozent Muslime und Christen. Noch wirft die Landwirtschaft gute Gewinne ab, so dass die Bauern in der Lage sind, Schulgeld zu bezahlen, bis auf wenige Ausnahmen, die gemacht werden. Das Projekt macht keine Gewinne, aber seit einigen Jahren auch keine Verluste mehr und trägt sich selbst. So erscheint auch der Bau nicht mehr verwunderlich. Auch verfügt die Schule über ein Science Lab und einen Computerraum. Rund 50 Schüler sind in einer Klasse. In dem Computerraum sehen 25 Rechner und Bildschirme, so dass im Informatik-Unterricht in Zweiergruppen gearbeitet wird. Viele machen danach eine Ausbildung oder besuchen ein College, um zu studieren. Einige von ihnen kommen als Lehrer zurück an ihre frühere Schule, um Wissen und Bildung weiterzugeben. Man muss mit allem rechnen, auch mit dem Guten.

Die Berührbaren

Es ist 10 Uhr. Die Sonne meint es auch heute wieder gut und wir messen bereits 31 Grad. Ich bin dort, wo ich am liebsten bin. Draußen. Bei den Menschen hier. Obwohl ich mich nach zehn Tagen daran gewöhnt haben sollte, mit Freude erwartet und schon am Auto herzlich empfangen zu werden, ist es für mich jedes Mal etwas Besonderes. Ich ducke meinen Kopf, um durch den niedrigen, schmalen Eingang des kleinen, einfachen Mauerbaus in das Behandlungszimmer zu gelangen. Kontrolle und Versorgung in der Leprastation. Als ich eintrete, sehe ich freudige Gesichter.P1000897

In der Leprakolonie, in der insgesamt 90 Personen, davon 71 infizierte in 80 Häusern leben, das heißt Erkrankte mit ihren gesunden Angehörigen, herrscht eine positive Stimmung. Hier gibt es keine Außenseiter. Sie sind geschützt. Allerdings gestaltet sich das Leben besonders das vieler Kinder eines erkrankten Elternteils, oder wenn sie selbst einmal erkrankt waren, in der Welt außerhalb als extrem schwierig. Unwissenheit, Angst vor Infektion, Aberglauben und besonders das hinduistische Kastensystem lassen sie zu gesellschaftlichen Randpersonen werden. Diese Formen der Behandlung finden sich schon in der Bibel, als man noch von Aussätzigen sprach, womit zugleich alle Menschen gemeint waren, die einen Hautausschlag oder körperliche Missbildungen zeigten, und schon Hunderte Jahre v. Chr. in den indischen und chinesischen Überlieferungen sowie auf ägyptischen Papyri Heasrt (um 1500 v. Chr.) wieder.

Zehn Patienten sitzen auf Stühlen im Halbkreis im Behandlungsraum. Es sind Männer und Frauen aller Alterstufen. Ist einer fertig, geht er hinaus und der nächste nimmt seinen Platz ein. Jeden Morgen werden die Verbände gewechselt und die Wunden mit Jodtinktur gesäubert und mit Jodsalbe behandelt. Für die Akutinfektionen oder wenn kein Heilungsprozess erkennbar ist, bekommen die Patienten Antibiotika. Pandu hat bereits mit den ersten Patienten angefangen. Er war selbst an Lepra erkrankt. Als Fr. Franklin 1986 nach Bophal geschickt wird, um sich der Gemeinde und vor allem den Missständen dieser Zeit anzunehmen, entdeckt er den damals etwa 25 Jahre alten Pandu. Bettelnd lebt er, als aufgrund seiner Lepraerkrankung Ausgestoßener der Gesellschaft auf der Straße. Fr. Franklin nimmt ihn auf, wie so viele andere Leprakranke, von denen sich die Familien und Arbeitgeber abgewandt haben. Franklin erwirbt durch unerschöpfliche Fleißarbeit in Form von vielen, vielen Briefen, die er bis spät in die Nacht hinein schreibt, Spenden durch seine Kontakte nach Deutschland, um medizinische Versorgung gewährleisten zu können. Inzwischen ist dadurch nicht nur die Behandlung sichergestellt, inzwischen haben die Menschen auch ein Dach über dem Kopf – inzwischen haben sie ein Zuhause und in weiten Teilen eine eigene Familie.

P1000956Der heute 55 jährige Pandu ist seit knapp 30 Jahren geheilt. Die Krankheit hat deutliche Spuren an Nase und Gesicht hinterlassen. Doch er ist glücklich, findet eine Frau, die ebenfalls an Lepra erkrankt war und die beiden heiraten. Er wird in einem Ausbildungsprogramm auf die Wundversorgung geschult. Und dieser geht er mit Inbrunst nach. Abgestorbenes Gewebe wird mit einem Operationsmesser entfernt. Die tiefen Löcher besonders unter den Fußsohlen präzise auf Abheilung oder Verschlimmerung untersucht, gesäubert, desinfiziert, eingesalbt und mit geübten Griffen fachmännisch verbunden. Angegriffene und entzündete Knochen, die aus den zum Teil eiternden Wunden deutlich zu erkennen sind, sieht er sich drei Mal an. Heute teilen wir uns das Verbinden. Die Patienten und Pandu freuen sich. „Als würdet ihr schon immer zusammenarbeiten, ein eingespieltes Team“, sagt einer. Unsere Patienten nicken begeistert zustimmend. Pandu und ich lächeln uns zu.

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P1000938Bei der lepromatösen Form, die – zu spät erkannt oder nicht behandelt – tödlich enden kann, ist der Körper nicht in der Lage, die Bakterien zu bekämpfen. Sie vermehren sich demzufolge und verursachen Schwellungen und schwerste Gewebeschäden. Die Krankheit äußert sich optisch zunächst durch raue, unebene Haut oder Knötchen und weißer Fleckenbildung, bei hellhäutigen Typen mit rötlicher. Dazu können insbesondere im fortgeschrittenem Stadium Störungen oberflächlicher Nerven wie Sensibilitätsstörungen bis hin zu Lähmungen eintreten. Die Knoten können am ganzen Körper auftreten. Häufig sind das Gesicht und die Nase betroffen, später auch Hände, Arme Beine und Füße sowie die Gesäßregion. Aus diesen Gewebeschäden können Narben bis hin zu Verstümmlungen entstehen. Im Spätstadium bei Nichtbehandlung werden auch die Knochen und inneren Organe von dem Erreger angegriffen und zerstört.

Während ich in die zum Teil sehr tiefen oder großflächigen offenen Wunden schaue und immer wieder Blickkontakt zu den Patienten habe, schaue ich nur in strahlende Gesichter. Es beruhigt mich, zu wissen, dass sie keine Schmerzen haben. Leprawunden sind ebenso wie ein offener, diabetischer Fuß nicht schmerzhaft, da die Nervenstruktur zerstört ist somit keine Sensibilität, kein Schmerzempfinden, mehr vorhanden ist. Fatal daran ist, dass weder die einen noch die anderen nicht merken, wenn sie sich irgendwo verletzt haben. Es braucht nur feinste Hautrisse. So entstehen schnell unbemerkte Entzündungen, die sich ungehemmt um das betroffene Körperteil ausbreiteten. Und trotzdem denke ich: Sie sind so tapfer, so unglaublich tapfer!

Lepra ist eine der ältesten Infektionskrankheiten der Welt. Doch woher sie ursprünglich kommt und wie sie sich verbreitet hat, darüber ist sich die Wissenschaft uneins. Es zwei gibt Annahmen. Die eine Seite geht davon aus, dass sich die Infektionskrankheit im Zuge der Wanderungsbewegungen des frühen Menschen vor Zehntausenden von Jahren von Ostafrika ausgehend verbreitet hat. Die andere Seite geht von der Möglichkeit der Entstehung in Indien aus. Die Verbreitung des Aussatzes – der Krankheitsname Lepra wurde erstmals 1873 durch die Entdeckung des Mycobacterium leprae durch den Norweger Armauer Hansen gebräuchlich – in Europa im Mittelalter wird den Kreuzzügen zugeschrieben. Ihren Höhepunkt erreicht die Infektionskrankheit im 13. Jahrhundert. Gegen Ende des ausgehenden 16. Jahrhunderts verschwindet sie weitgehend aus der Reihe der chronischen Volkskrankheiten in Mitteleuropa. In Europa, Russland und Nordamerika ist die Krankheit lange ausgerottet. Verbreitet ist Lepra dagegen noch immer in Mittel und Lateinamerika, vor allem in Brasilien, Asien, Australien und in Teilen Afrikas.

Ich treffe mich mit Dr. Reetu Pralhad in ihrer Praxis. Ich bin ihr schon einige Male begegnet und wir verstehen uns auf Anhieb. Sie spricht sehr gut englisch und die Konversation mit ihr ist eine wahre Freude. Reetu behandelt im Krankheitsfall alle Kinder und Familien um Fr. Franklin. Sie bestätigt mir noch einmal, dass die Leprastation im Wirkungsbereich von Fr. Franklin mit Abstand die größte in Bhopal sei. Seit über 25 Jahren ist sie praktische Ärztin und hat in dieser Zeit über 1000 Tuberkulosepatienten, ebenfalls ein großes Problem in Indien, erfolgreich behandeln können. „Während es sich bei der Ansteckung mit Tuberkulose-Erregern ähnlich wie bei der Übertragung einer Erkältung oder Grippe verhält, die Bakterien liegen in der Luft, wird Lepra durch die Tröpfcheninfektion zum Beispiel durch Niesen übertragen“, sagt Reeta. Ein Angehöriger eines Erkrankten muss also nicht zwangsläufig erkranken. „Man kann aber nicht sagen, dass die gesunden vor allem die Kinder nicht irgendwann daran erkranken, wenn zum Beispiel dieselben Handtücher oder ähnliches benutzt werden“, weiß sie. Das ist aufgrund der Armut keine Seltenheit. Nicht jeder Haushalt verfügt über Handtücher, geschweige denn saubere, da es an Seife und Waschpulver vielfach mangelt. Erklärtes Ziel der WHO ist es, die Krankheit gänzlich auszurotten. Bis dahin wird es noch ein weiter, ein generationenübergreifender Weg sein. Denn aufgrund der partiell langen Inkubationszeit, die bis zu über 30 Jahre dauern kann, wird man hiervon noch lange nicht ausgehen können. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2008 rund 213.000 Menschen an Lepra erkrankt. Die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr beläuft sich nach Angaben der WHO (2011) auf 219.000. Indien ist Vorreiter.

P1000965Reetu hat an diesem Nachmittag keine Patienten. Sie fragt, ob wir nicht in die Stadt zum Shoppen fahren wollen und uns in den nächsten Tagen vor meiner Abreise noch mal treffen – schon bald wird mich meine Reise weiter zu unseren Projekten nach Dehli, Agra, Kalkutta, in die Nähe von Chennai, nach Goa und zurück nach Bombay führen. Shoppen eher nicht … und ich entschuldige mich ehrlich damit, dass ich am Nachmittag noch weitere Termine habe. Aber ich freue mich, sie noch einmal zu sehen.

Vor wenigen Tagen, als wir über die Leprastation sprechen, erzählt mir Fr. Franklin abends von einer jungen Frau, die ebenfalls Reetu heißt. Sie ist heute 25 Jahre alt. Ihre Eltern hatten Lepra. Sie finden Schutz und Hilfe in dem Projekt von Fr. Franklin in der Leprakolonie. Reetu besucht dort die Schule. Sie besucht die weiterführende Schule im Girls Hause bis zur 12. Klasse und erlangt die Collegereife. Mit Unterstützung der zahlreichen Spender und Initiativen aus Deutschland durch Franklin absolviert sie in Dudore ein Business Administration Studium. Sie besteht mit Auszeichnung. „Sie verfügt über überdurchschnittliche Leistungen und hervorragende Englischkenntnisse. Sie ist gepflegt und hat gute Manieren“, betont FrankIin. Ich merke, dass seine ohnehin tiefe Stimme dabei noch kräftiger wird. Er richtet sich im Korbsessel auf. „Eine solche Ungerechtigkeit ist das!“, ruft er aus. Ich sage nichts. Warte bis er fortfährt. Dann erfahre ich: Die junge Frau hat sich bei der staatlichen Fluggesellschaft Jet Airways in Bhopal beworben. Sie bekommt eine Absage, nicht etwa, weil etwas an ihrer Qualifikation auszusetzen sei. Nein, die sei sehr gut. Der Grund liegt darin, dass sie in einem Lepra-Viertel aufgewachsen sei. Franklin ist fassungslos, als er das hört und greift sofort zum Telefonhörer, um mit dem Manager zu sprechen. Da ist nichts zu machen. Die Haltung des Managers ist unverrückbar. Er will sich an die Regierung wenden, aber Reetu bittet ihn inständig, es nicht zu tun, aus Angst vor weiteren Benachteiligungen. Das Stigma lastet noch immer auf den Betroffenen und nicht zuletzt auf ihren Angehörigen. „Was können denn die Kinder dafür? Warum sollen sie dafür bestraft werden?“, fragt Franklin mit einer Mischung aus Wut und Traurigkeit. Ich finde keine Antwort darauf.

Ich weiß, dass er für die gesellschaftliche Akzeptanz weiterkämpfen wird und nach Strategien der Integrationsarbeit sucht. Wir blicken uns schweigend an. Ein Wolf erkennt dabei den anderen. Aber ich habe momentan auch keine Lösung, außer immer und immer wieder nach jeder Niederlage nicht aufzugeben, aufzustehen, um weiterzumachen, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Aus Deutschland werde ich in diesen Tagen immer wieder gefragt, ob ich keine Angst hätte, mich zu infizieren oder mich nicht vor den Wunden ekele. Ich weiß, dass es besorgt und wohlwollend gemeint ist. Zunächst: Nein, ekeln tue ich mich überhaupt nicht. Bis zu meinem Abitur habe ich permanent zwischen Medizin und Journalismus geschwankt. Am Ende eine schwere Entscheidung. Als Kind schon habe ich davon geträumt, als Ärztin in die Entwicklungshilfe in die Tropenmedizin zu gehen, oder als Journalistin in die Krisengebiete, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass sich durch eine soweit wie mögliche, objektive Berichterstattung viele Dinge vermeiden oder ändern ließen. Das mag idealistisch sein. Doch ich habe den Journalismus gewählt, Germanistik und Geschichte an Stelle von Medizin studiert. Ich habe es nicht bereut.

Dann: Nein, ich habe keine Angst davor, mich anzustecken. „Bitte macht Euche keine Sorgen“, sage oder schreibe ich und nicht, um zu beruhigen, sondern weil ich es auch so meine. Lepra wird definitiv in Armutsgebieten häufiger übertragen als anderswo. Nach Informationen der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) ist Indien mit weltweit über 50% aller Leprakranken am schlimmsten betroffen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Menschen häufig unterernährt sind oder unter Mangelerscheinungen und mangelnder Hygiene zu leiden haben, was zu einem geschwächten Immunsystem führt. So ist der Körper anfälliger für das das Mycobacterium leprae, das verantwortlich für die Leprainfektion ist. Lepra ist heilbar. Daher sterben die meisten Betroffenen auch nicht an Lepra selbst, sondern an den Folgekrankheiten wie fiebrige Entzündungen durch die offenen Wunden bis hin zu Tuberkulose. In unseren Breiten und zwar ganz konkret in Deutschland lässt sich ein umgekehrtes Phänomen beobachten, was immer nur dann mal aufgegriffen wird, wenn es gleich mehrere Menschen oder gar Neugeborene trifft: Bei uns kommen Menschen aufgrund einer Erkrankung ins Krankenhaus, die sich mit dem multiresistenten Keim ORSA (Oxacillin resistenter Staphylococcus aureus) – auch MRSA oder im Volksmund Krankenhauskeim genannt – infolge von mangelnder Krankenhaushygiene infizieren. Oft liegen sie monatelang in einem Isolierzimmer, bekommen wenig Besuch aus Angst vor Ansteckungsgefahr und weil es spätestens beim zweiten Mal auch unbequem wird, sich in Kittel, Haube, Mundschutz und Handschuhe vermummen zu müssen und die Patienten auch immer weniger zu erzählen haben, da sie kaummehr Kontakt zur Außenwelt haben. Sie werden auf eine andere Art zu Außenseitern. Nicht selten sterben sie an dem Zusammenspiel zwischen ihrer eigentlichen Krankheit, die in den meisten Fällen gut behandelbar gewesen wäre und noch viele gesunde Lebensjahre ermöglicht hätte, und dem Krankenhauskeim. Die Zahl der Menschen, die in deutschen Krankenhäusern an den resistenten Bakterien sterben, variiert Medienberichten zu Folge zwischen 15.000 bis 40.000 pro Jahr, von den Dunkelziffern einmal ganz abzusehen. Fakt ist, dass die Zahl massiv steigt. Das (!) und nicht die Berührung mit den Lepraerkrankten finde ich bedenklich.

Draußen laufen die Grillen zu ihrer Konzertorgie auf. Es geht zu dieser Stunde auf das Finale zu. Ein allabendlich vertrautes Geräusch. Ich denke an „meine“ lebensfrohen, mutigen Patienten und werde traurig. Immer noch sehe ich, wie sie ihre Hände vor die Brust falten, sich voller Dankbarkeit vorbeugen und mir auf Hindi etwas sagen. Ich kann dem nur entnehmen, dass es etwas Wohlwollendes ist und ihnen nur durch eine Kopfbewegung und die Berührung ihrer Hände mitteilen, dass es selbstverständlich ist, ich es gerne mache und wiederkommen werde. Aber diese Freude, dieser unglaubliche Glanz in ihren Augen… So müssen Lottogewinner aussehen, dachte ich bisher. Leider ist das hier kein Glücksspiel, sondern eine Lotterie der Armut.

Girls wanna have fun …

Gesang ist im Raum der vierten Klasse zu hören In der siebten Klasse steht fast passend dazu Tanzunterricht auf dem Stundenplan. Die Schülerinnen der neunten Klasse haben die Köpfe über ihre Hefte gebeugt. Sie haben Englisch. Unterrichtszeit im ‚Nishkalanka Girls Hostel‘. Ab der dritten Klasse lernen und leben hier 355 Mädchen zwischen acht bis siebzehn Jahren bis zur zwölften Klasse. Viele machen danach eine Ausbildung etwa in der ‚Nurse School‘ zur Krankenschwester oder studieren.

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P1000821Während die acht- bis etwa zwölfjährigen und dann wieder die 16, 17-Jährigen mich schnell wieder mit ‚didi‘ ansprechen und sofort in Kontakt kommen, zieren sich die 13 bis etwa 15 Jahre alten Mädchen anfangs noch ein wenig. Es wird leise hinter vorgehaltener Hand getuschelt, verlegen aber doch herzlich gelächelt. So manches Gesicht läuft rot an. Dabei werde ich auf das Genaueste beobachtet, von Kopf bis Fuß mit unzähligen Augenpaaren gescannt. Meine einfachen Ballerinas, sie selbst tragen entweder Flip Flops oder barfuß, und meine Augen werden besonders unter die Lupe genommen. Einzig mein Henna Tattoo scheint vertraut. Und wenn ich ihnen zulächele, wird sich geniert. Ich muss schmunzeln. Für sie muss ich wie ein Alien daherkommen, zumal, und das erfahre ich erst, als ich mit ihnen ins Gespräch komme, mich Fr. Franklin als Journalistin aus Deutschland vorgestellt hat, die uns hier und zu Hause unterstützt und jetzt an einem Buch arbeitet, das uns auch hilft. Ich verstehe, wer kann denn schon in dem Alter etwas damit anfangen?

Doch auch diese Altersgruppe fasst erstaunlich schnell Vertrauen. Sie haben natürlich immer noch etwas Kindliches und so spüre ich plötzlich verschiedene Hände an meinem Arm. Von unseren Kleinen bin ich das gewöhnt. Sie können stundenlang immer wieder meine Hände in die Hand nehmen und untersuchen. Nachvollziehbar. Denn im Gegensatz zu ihrem wunderschönen Teint in den weichen von milchkaffee- bis toffeefarben reichenden Nuancen ist meine Haut extrem hell. Außer im Fernsehen, das es zu besonderen Anlässen gibt, sehen sie so blasse Gesichter nicht oft. Allerdings ist es dieses Mal anders. Sie haben inzwischen beide Arme in Beschlag genommen und pressen ihre Nasen daran. Um ehrlich zu sein, mache ich mir in diesem Moment ernsthaft Gedanken, ob ich vielleicht unangenehm riechen oder mich irgendwo irgendwie beschmiert haben könnte. Dabei dusche ich bei der Wärme morgens und abends. Mal warm, mal kalt. Je nachdem, wie der Boiler gelaunt ist und ob wir gerade Strom oder Ausfall haben oder nicht. Acht Lehrer und vier Schwestern betreuen die Mädchen und ich bin erleichtert, als Schwester (Sr.) Reena, die Situation sofort erfasst und sichtlich amüsiert ist. Was los ist? Etwas, das für uns so selbstverständlich ist, wie das tägliche Zähneputzen. Die Mädchen sind hingerissen von dem Duft von Duschgel, Bodylotion, Moskito-Schutz oder der Kombination aus allem zusammen. Sie sind so arm“, sagt Sr. Reena. Sie riechen Deine Haut so gerne. Sie kennen solche Düfte und so weiche Haut nicht“. Ich schlucke. Auf einen solchen Gedanken wäre ich selbst nicht gekommen. Wie normal doch alles für uns ist. Ich versuche zu lächeln, zu sehr lachen mich die Mädchen an und damit ist das Eis endgültig gebrochen. You have such beautiful eyes!“ ertönt es jetzt, während zeitgleich auch meine schlichten Perlenohrstecker auf Verschluss und Festigkeit überprüft werden. Die Menge stimmt zu, fragt, ob sie meine Wimpern berühren darf. Weil ich weiß, dass indische Mädchen und Frauen sich sehr für Schmuck, feine Stoffe und Kleider und geschminkte Augen interessieren und überhaupt viel Wert auf ihre äußere Erscheinung legen, habe ich mir extra vorher die Wimpern getuscht und zum Lipgloss gegriffen. Blaue Augen und die von Natur aus langen schwarzen Wimpern sind hier mindestens so selten anzutreffen wie eine Albinohaut. Deshalb wurde ich zu Beginn zwar freundlich, doch gnadenlos gemustert. Einige wenige der Mädchen haben ein Smartphone. Ich werde gefragt, ob wir ein gemeinsames Foto machen können. Die Mädchen bringen sich richtig in Pose. Ich bin kein fotogener Mensch und fühle mich bei gestellten Bildern nicht wohl. Trotzdem lasse ich mir Arme um die Taille oder auf die Schulter legen und versuche, so entspannt und freundlich wie es geht, Richtung Handykamera zu lächeln. Wahrscheinlich blicke ich wieder wie ein Schaf drein. Die Mädchen freuen sich jedoch unglaublich und zeigen gleich allen das jeweilige Foto. Alles in allem ein ganz normales Verhalten heranwachsender, junger Damen. Die Pubertät ist einfach eine blöde Zeit. Ich bin mir sicher, dass aus ihnen schon bald bildhübsche junge, starke Frauen werden ohne geballtes Zickenalarm-Potenzial. Schon jetzt werden untereinander Kleider getauscht, sich gegenseitig die Haare frisiert und mit den wenigen vorhandenen Utensilien geschminkt. Aber auch hier, in der Ausprobierphase, zeigt sich erfreulicherweise schon gesundes Selbstbewusstsein: Je greller, umso lieber. Und Lippenstift: Mit Vorliebe in knalligem Pink. Na bitte!

In einem so großen Haus mit über 350 Bewohnerinnen ist ein wertschätzender zwischenmenschlicher Umgang ohne Rücksichtnahme und Disziplin nicht möglich. Ein guter Sozialverhalt ist unter den Mädchen daher auffallend stark ausgeprägt. Einige der Mädchen kennen sich seit vielen Jahren. Sie waren schon zusammen im ‚Balwadi Hostel‘, dem Haus für die Kleinsten. Im ‚Girls Hostel‘ teilen sich die Mädchen ab der 5. Klasse Räume mit jeweils 65 Betten. Es geht gar nicht ohne Respekt und Toleranz.

Obwohl es nur vereinzelt Smartphones gibt, gibt es jede Menge Beschäftigung und umso mehr Geselligkeit untereinander. Es ist kein Kind zu sehen, dass einsam in der Ecke sitzt oder wortkarg ist. Überhaupt ist kaum Spielzeug vorhanden. So werden Felder in den staubigen Boden gemalt und die Mädchen spielen Steinchenspringen.

P1000850Aus den ganz einfachen vorhandenen Möglichkeiten werden große Spiele mit hohem Unterhaltungs- und Bewegungsfaktor. Ich mache mit beim Steinchenhüpfen, bis ein etwa zehnjähriges Mädchen mit einem untertellergroßen, dicken Gummiring neben mir steht. Er erinnert mich an die Gummikauringe, mit denen in unseren Wohnzimmern dickgefällige Hunde sich selbst bespaßen, wenn Herrchen oder Frauchen keine Lust oder Zeit haben. In und um das Hostel hat jeder für jeden Zeit. Blitzschnell findet sich ein großer Kreis aus allen Altersstufen zusammen und wir spielen Gummiring-Frisbee, bis es an der Zeit für die nächste Unterrichtseinheit ist.

Zurück in der Parish versuche ich währenddessen, schon einmal die Fotos für meinen nächsten Eintrag hochzuladen, eine ebenso zeitaufwändige wie viel Geduld erfordernde Angelegenheit. Seit gestern Abend bemühe ich mich. Vergeblich. Serverprobleme. Dafür kommen gleich Shanti, die Lehrerin, Sr. Jacinta und Carolin vom ‚Tribal Hostel‘, um mich abzuholen. Wir gehen shoppen und fahren mit dem Auto in das etwa 20 Minuten entfernte Zentrum Bhopals. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie schon in anderen afrikanischen und asiatischen Ländern zuvor, wie viele Menschen tatsächlich in ein Auto passen. Ich zähle 15 als Maximum. Von drei Leuten auf dem Beifahrersitz angefangen.

Wir sind am New Market, dem zentralen Einkaufsviertel. Staubige, holprige Wege mit vielen Menschen und mindestens genauso vielen Mofas, die nun was wohl ununterbrochen lautstark hupen. Menschenmengen, Staub, Hitze, Lärm, Abgase stinkender Zweitakter. Manchmal ist kurzzeitiger Stillstand angesagt, weil die einen irgendwo an den bunten Ständen mit Schuhen und Schmuck stöbern und wie die Weltmeister feilschen, die anderen entspannt im Stehen einen Chai-Tee zu sich nehmen. Inmitten des Tohuwabohus macht sich dennoch immer auch eine Leichtigkeit breit. So springen wir zwar zwischen den Vespas, Passanten und Steinen, doch verlieren uns nicht aus den Augen.

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Das Handeln ist hier jedoch eine wahre Schauspielkunst und für jemanden, der es gewöhnt ist, im Geschäft zu einem auf dem Etikett ausgezeichneten Preis zu kaufen, nicht ganz so leicht zu durchschauen. Aber ich habe gute Lehrmeisterinnen an meiner Seite. Shanti und Sr. Jacinta verstehen es, zu schachern. Zufrieden sind am Ende nur beide Parteien, wenn sich in etwa auf zwei Drittel oder weniger als der ursprünglich genannte Preis geeinigt wird. Wir sind in einem Geschäft für Kurtas, einem luftigen, weitgeschnittenem kragenlosem Hemd, eine Art knielanger Tunika, und den dazugehörigen Hosen, entweder Leggings oder weit fallenden Pants, die am Bund eng werden. Weder mit der einen noch der anderen Form kann ich mich wirklich anfreunden, aber ich habe zugesagt, dass wir nach einer indischen Kurta für mich schauen. Jeder hat hier ein überaus zuvorkommendes, schon fast liebesvolles Auge auf mich und möchte mich gerne in einem Sari sehen und schmücken. Dazu muss man jedoch Folgendes wissen: Erstens sind die Inder zu allen Menschen sehr gastfreundlich und ich bin ein Gast. Zweitens kommt bei mir noch hinzu, dass ich für die Indienhilfe Deutschland unterwegs bin, die zahlreiche der Projekte initiiert hat, nach wie vor unterstützt, erfolgreich begleitet und an weiteren Entwicklungen arbeitet.

In dem Geschäft, einem rund sieben Quadratmeter großen schlauchartigen Raum mit einer Sitzbank und einem ausrangierten Bett mit einer Matratze, auf der alles ausgepackt und gezeigt wird, suchen wir nach einer Kurta und einer Hose. Bei den gefühlt gesehenen 1000 verpackten Kurtas und den Hunderten, die mit unglaublicher Schnelligkeit ausgepackt und mir angehalten werden, verliere ich den Überblick.

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Anprobieren kann man in keinem Geschäft etwas. Was nicht passt, wird zu Hause passend gemacht. Alles ist mir irgendwie zu bunt oder mit zu viel Chichi versehen. Aber der Händler hört nicht auf auszupacken und zu zeigen. Am Ende, als schon von der Matratze nichts mehr zu sehen ist vor lauter Kleidungsstücken, kommen eine schlichte weiße Tunika und unifarbene dunkelblaube leichte Schlabberhose zum Vorschein. Das wäre am ehesten Meins, denke ich und bin froh, dieses Chaos und die Enge so schnell wie möglich hinter mir zu lassen zu können. 850 Rupien soll alles zusammen kosten, das entspricht knapp elf Euro. Ich kann es gar ncht fassen. Doch Shanti und Jacinta sagen, es sei zu teuer. Sie verhandeln und wollen auf 700 kommen. Ich verstehe kein Wort. Wir gehen. Ins nächste Geschäft, ins übernächste, ins überübernächste … Dazwischen habe ich immer wieder Kinder an meinen Beinen oder neben mir her gehen. Sie betteln um Geld. Zerrissen, die viel zu kein gewordenen Kleidchen, fleckige Haut, traurige Augen. Sie werden von ihren Eltern oder von organisierten Banden auf die Staße geschickt. Alltag in Indien. Wieder einer dieser Momente, in denen ich mich zusammenreißen muss. Sr. Jacinta umfasst mich von hinten und signalisiert mir weiterzugehen. Die Bilder bleiben im Kopf. Die Gedanken auch. Ich erlebe die Situation momentan täglich vor Ort und weiß, dass wir im Moment nicht einfach mehr bedürftige Kinder aufnehmen können. Der Platz reicht nicht mehr aus. Shanti hat inzwischen ihren Stoff für einen neuen Sari gekauft, Sr. Jacinta die richtige Farbe für ihre Unterziehbluse gefunden und Carolin eine neue Hose erstanden. Wegen mir laufen und suchen immer noch alle weiter. Und das mit einer Energie und einem Wohlwollen, das ich mir nicht auch nur ansatzweise anmerken lassen möchte, wie sehr ich die Nase voll habe, aber mal so was von gestrichen. Schließlich finde ich in dem Gewühle doch noch zwei Kurtas, eine weiße mit zart bestickten Blumenornamenten und eine weitere. Jetzt Eisessen, lautet der dreistimmige Tenor. Ich schließe mich an, in der Hoffnung, dass es dort auch Wasser gibt. Ich habe keinen Hunger, sondern bei der staubigen Hitze nur Durst und ich habe Glück: Das Wasser ist abgepackt und originalversiegelt. Leitungswasser kann in Indien aufgrund seiner Krankheitserreger zu akuten fiebrigen Magen-Darm- und Kreislaufbeschwerden führen, weil wir Westeuropäer weder diese Bakterien, Keime und Schadstoffe noch die Konzentration gewohnt sind. Vielfach werden in den kleinen Läden, gebrauchte Wasserflaschen mit einfachem oder gerade mal gefiltertem Leitungswasser aufgefüllt und der Verschluss geklebt. Ein zweifaches Hinschauen, bevor es beim Öffnen klickt, lohnt sich daher allemal.

P1000893Später, im ‚Tribal Hostel‘, passen mir Shanti, Sr. Jacinta und Ursela, die Haushaltshilfe, die beiden Kurtas mit großem Eifer an. Mit bloßem Augenmaß sehe ich bereits beim Kauf, dass alles viel zu groß ist. In dem Hostel steht eine Nähmaschine, die rege gebraucht wird. Alle drei nutzen sie häufig, um sich eigene Sachen zu nähen und vor allem um die Sachen der Kinder zu flicken und soweit es geht, bei Bedarf zu vergrößern oder zu verkleinern. Aus dem Stoff, der bei mir zu viel ist, wird Shanti später zwei Röcke für die Kleinen nähen. Bis aber tatsächlich alles einigermaßen sitzt, vergehen Stunden. Immer wieder fällt der Strom aus und den Dreien etwas Neues ein.

P1000877Das Ganze endet damit, dass ich mich letztlich geschlagen gebe und mir wenigstens einmal einen Sari anziehen lasse. Es ist auch gleich ein edles und somit schweres Gewebe, das direkt parat ist. Also ziehe ich den langen Unterrock über die Cargopants und werde dann in sechs Meter Stoff gewickelt, der vorne und an der rechten Schulter aufwändig in Falten gelegt und mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird. Darunter mein T-Shirt, statt der dazugehörigen, farblich abgestimmten bauchfreien, halbärmeligen Bluse. Wir haben 36 Grad, keinen Strom und damit auch keinen funktionierenden Ventilator. Ich trage gerade über meiner Kleidung einen Sari. Aber: Wir haben Spaß.